172 Gesetzmäßigkeit und Gesetze
sperrt wurde, wird je&t ins Gefängnis geschickt; man müßte hinzu-
fügen, daß er die eine Strafe erlitt, weil er Gesinnungsfreiheit
wollte, und die andere, weil ihm zur Last gelegt wird, daß er be- absichtigte, Gesinnungsfreiheit zu unterdrücken. Es ist keine Logik, wenn man Schumachers angebliche Zonenpolitik angreift und in obigem Zusammenhang(oder auch in der Ernährungsfrage) den Osten gegen den Westen hält. Das klingt nach Goebbels:„Seht diese westlichen Demokratien, sie spielen in unsere Hände. Sie werden der Ernährungskrise nicht Herr, die im Osten— die ge- samte Bevölkerung bestätigt das an Hand ihrer Lebensmittelkarten — völlig bewältigt ist. Gott gebe ihnen auch im kommenden Herbst eine schlechte Ernte!“ Und es ist schließlich keine Logik, wenn man, abermals getreu nach Goebbels, der den holländischen, däni- schen, norwegischen Blättern Propagandamaterial aufzwang und es dann von deutschen Zeitungen als Stimme des Auslandes nach- drucken ließ,„Enthüllungen‘“ über unbequeme Leute anfertigt und an eine opportunere Stelle weitergibt, worauf der Lieferant sie als Geistesprodukt des anderen wieder zitiert. Mit Politik hat das so wenig zu tun, wie die zwei Schulmeister in der Anekdote des Rhei- nischen Hausfreundes mit Religion zu tun hatten. Jeder verfocht eine Bibelstelle; der eine die, daß man dem, der von rechts schlägt, auch die linke Hälfte darbieten solle, der andere die, daß man mit dem gleichen Maß gemessen werde, mit dem man selber mißt. Dar- über prügelten sie sich, um besser herauszufinden, wer recht habe; und ein Edelmann, der seinen Diener ausschickte, um zu sehen, was der Lärm bedeute, erhielt die Antwort:„‚Nichts, gnädiger Herr; sie legen einander nur die Heilige Schrift aus.“ Am 8. November 1918 verlangte der Feldmarschall Hindenburg, daß der Waffenstillstand um jeden Preis abgeschlossen werde; am 9. November geschah es— leider nicht mit seiner Unterschrift; am 10. November schrie der Konservative Heydebrand auf:„Wir sind belogen und betrogen worden!“, und seine„Kreuzzeitung“ ließ im Titelkopf die Devise„‚Mit Gott für König und Vaterland“ fort. Ein halbes Jahr später stand sie wieder da, und als Chef-
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redakteur der„‚Kreuzzeitung“ inszenierte Graf Westarp den Kampf gegen die..Kriegsschuldlüge‘“, als welche er auch die historischen Wahrheiten beschimpfte. Noch ein weiteres Jahr, und der eben unterzeichnete Friedensvertrag war schon so weit durchlöchert, daß der die Kriegsverbrecher betreffende Teil einfach ignoriert werden durfte und die teuer pensionierten deutschen Generale, wie damals ein guter Republikaner sagte, sich in der Haltung eines Mannes zeigen konnten, der nach dem Gewitter den Kopf aus dem Fenster streckt und mit Befriedigung feststellt:„Es regnet ja gar nicht mehr.“ Als am 14. Juli 1920 die zu Ehren des
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