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Vom künftigen Deutschland : Aufsätze zur Zeitgeschichte / Erik Reger
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170 Gesetzmäßigkeit und Gesetze

sächlich in der letzten Zeit. Sind die Menschen so zur Verzweiflung gedrängt, daß selbst schwere Strafen sie nicht mehr schrecken, so ist es um so gefährlicher, wenn die Gesetze in sich eine Art Weg- weiser sind, wie man ihnen ausweichen kann. Auch normalerweise lebt die moderne Menschheit unter so komplizierten Verhältnissen, daß jede Geseßesfassung schwierig ist. Heute will sogar in der simpelsten Materie jede Verordnung so durchdacht sein, als handle es sich um Grundlegendes. In einem Landkreis bei Berlin wurde eines Tages verordnet, daß das Fleisch aus Notschlachtungen nicht mehr, wie bisher, im Orte selbst verkauft werden dürfe, sondern

abgeliefert werden müsse, um nach einem allgemeinen amtlichen

Plan auf die Ortschaften des Kreises verteilt zu werden. Eine Verordnung war notwendig geworden, weil die Notschlachtungen überhandnahmen. Der Landrat glaubte, auf die geschilderte Weise denjenigen Notschlachtungen, die keine waren, den Anreiz zu rau- ben, ohne diejenigen, die es wirklich waren, zu treffen. Der Erfolg war ein tiefes Erstaunen in seinem Büro. Es fanden plößlich über- haupt keine Notschlachtungen mehr statt. War das Vieh so gesund geworden? Nicht doch. Dagegen ließ man seine Krankheiten, wenn sie unheilbar waren, jetzt bis zum natürlichen Ende des Krepierens gedeihen, Das lokale Interesse war geschwunden, und das lokale Interesse war genau das, was der Landrat zu seinem Schaden, das heißt zum Schaden der Autorität des Gesetgebers, nicht berück- sichtigt hatte.

Jean Pauls Armenadvokat Siebenkäs führte bekanntlich mit seiner Lenette einen ewigen Lichterstreit: er wollte die Kerzen durchaus am unteren Ende anzünden, weil er behauptete, das abfließende Wachs mache das obere dicker, und sie glaubte ihre Hausfrauen- würde beleidigt, wenn sie die Kerzen verkehrt in den Leuchter steckte. Da sie sich nicht einigen konnten, blieb es dabei, daß jeder nach seiner Methode verfuhr, was auf eine Illustration des fran- zösischen Sprichwortsbrüler sa chandelle par les deux bouts hinausgekommen sein dürfte, indem bloß erzielt wurde, daß die Kerze niemals ein gescheites Licht gab und nur rascher verbrannte. An diese Geschichte denkt man bei manchen heutigen Geseten. Eine oberbayerische Amtsstelle hat dekretiert, daß sie hinfort die Bauern, die ihre Ablieferungspflichten nicht erfüllen, als aktive Pgs behandeln werde. Sie fühlte nicht die Unzulässigkeit der Ver- quiekung. Sie fühlte nicht, daß sie dadurch zwei ernste, jedoch an innerem Gewicht unterschiedliche Fragen zu einer gleichmäßig lächerlichen machte. Vor allem fühlte sie nicht, daß sie im Begriffe

war, einen Gegenstand grundsäglicher Politik zu bagatellisieren.

Auch Gesetzgebung ist eine Kunst und beruht wie diese weitgehend auf der Empfindung für Proportionen. Sie erfordert die Fähigkeit,

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