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Gesetzmäßigkeit und Gesetze 169
lich drückt sich darin nicht viel mehr als das Ressentiment einer kompliziert gewordenen Maschine aus, die nicht begriff, daß aus einfachen und streng geordneten Lebensverhältnissen strenge und einfache Gesege erwachsen. Anders schon Solon. Er war vor eine Situation gestellt, die mit der unseren vergleichbar ist. Das Athen seiner Tage quälte sich unter der wachsenden Not, der Verschul- dung der Güter, der Verarmung ganzer Volksschichten, der mora- lischen Verwahrlosung, dem Mangel an öffentlichem Gewissen und an ethischen Triebfedern, unter all jenen Schwierigkeiten eines durch unheilvolle Entwicklungen zerrütteten Staatswesens. Immer- hin war das Ganze nicht so unübersehbar, daß nicht für jedes ein- zelne Gebiet ein einziges Geseß, ohne ein Dutend Ausführungs- bestimmungen, genügt hätte. Heute ist nicht einmal mehr das ein-
zelne übersehbar. Jedes Gebiet benötigt für sich ein Neg von Ge-
seen, dessen Maschen, ständig geflickt, einzig dazu anregen, ohne Strafe hindurchzuschlüpfen.
Zwölf nationalsozialistische Jahre, in denen alles natürliche Leben sich so vergewaltigt sah, daß es zur Pflicht wurde, jedes staatliche Geset zu umgehen, und sich geradezu ein geheimer Ehrenkodex der Uebertretungsmöglichkeiten herausbildete, müßten auch dann verhängnisvoll nachwirken, wenn so etwas wie Klingsors Zauber- stab Verwüstung und Elend in blühende Glückseligkeit verwan- delte. Wieviel schlimmer, daß in einer Welt ohne Zauberer jeder Morast, weit davon entfernt, sich mit prächtigen Wasserrosen zu schmücken, die Neigung hat, seinen Unrat zu verdoppeln und statt segnender Quellen seine schmußigen Sumpfblasen aufsteigen zu lassen—: der Gesetgeber bedroht die Sumpfblasen, aber solange er den Morast nicht zuschütten kann, wozu er Millionen Waggon- ladungen von Humus brauchte, die er nicht hat, solange wird er nur hier und da einen Bazillus von Tausenden unschädlich machen. Es ist kein Ding in der Welt, das nicht seinen Weg sucht; aber wäh- rend die guten Dinge deshalb gut sind, weil sie ihn suchen, sind die bösen deshalb böse, weil sie ihn finden. Jedoch liegt die eigentliche Gefahr nicht so sehr hierin wie in den moralischen Rückschlüssen. Der Sinn der Gesete selbst wird fragwürdig. Wenn die Zustände dazu zwingen, irgendein Geset zu erlassen, so kann der Geset- geber ebensowenig wie der Arzt am Krankenbette dadurch beirrt werden, daß er um die Grenzen der Wirksamkeit dessen, was er verordnet, weiß. Ginge er aber über seine Erkenntnis mit einem Achselzucken hinweg, so wäre es genau so verfehlt. Seine Verord- nung wird im Gegenteil desto wirksamer sein, je mehr er die Ge- segmäßigkeit des durch bestimmte Voraussegungen bedingten Lebens in Rechnung stellt. Eben an ihrer Voraussegungslosigkeit scheiterte ja schon ein Teil der nationalsozialistischen Gesege, haupt-


