GESETZMÄSSIGKEIT UND GESETZE
Aus dem Chaos schuf Gott die Welt, aber das Chaos vor der Schöpfung war nicht das, was wir heute unter diesem Begriffe ver- stehen. Es war die Leere, war das Wesenlose, war das Ungeformte, und es lag da, wartend auf Gestalt und Geset. Keineswegs war es der Wirrwarr, den wir meinen, wenn wir von Chaos sprechen— der Wirrwarr, der aus der Zerstörung des Geschaffenen, aus der zertrümmerten Welt entstand. Das ursprüngliche Chaos war Un- geordnetheit, nicht Unordnung; das Bild höchster Unordnung bietet erst‘das Durcheinander einer Gesellschaft, die zerschlagen wurde und danach wieder aufgebaut werden soll. Gott schuf etwas, was nie zuvor gewesen war, und indem die Menschen es im Ver- laufe dessen, was man ihre Geschichte nennt, vernichteten, erreich- ten sie diese neue Art des Chaos, aus dem kein Gott sie zu retten vermag, wenn sie nicht selbst dazu imstande sind.„‚Was Hände bauten, können Hände stürzen“, sagt Schillers Tell. Diesmal aber stürzten die Menschen auch das, was Gott gebaut hat. Sie haben vielleicht noch zehn, vielleicht nur noch fünf Jahre Zeit, um die Frage zu beantworten, ob sie bauen können, was sie stürzten, oder ob in ihrer zivilisatorischen Entwicklung der Weisheit höch- ster Schluß sein soll, Gebäude niederzureißen, um in den Besit; von Abbruchmaterial zu gelangen.
Solange ein Weltbild einfach ist, sind auch seine Geseße einfach. Als man noch in Wäldern wohnte, hatte ein Spaziergang nicht nur keine besonderen Reize, er stellte auch kein Problem der Volks- gesundheit dar. Das Leben hatte seine eigene Gesegmäßigkeit, und es hätte kein Sinn darin gelegen, ihm darüber hinaus Geseße zu
geben. Der Marmorblock, der, von Wurzeln umhüllt, in einer Grube nd... ruht, ist im innersten Wesen wenig verschieden von dem Natur-
menschen, dem die aufgehende Sonne nichts weiter bedeutet als Anbruch des Tages und dem die Erscheinung des Mondes zu keinem Gefühl verhilft außer dem, daß sie die Nacht ankündigt. Wenn der Block indessen gehoben wird und unter den Meißel des Künstlers gerät, wird offenbar, daß so gut ein Apoll oder eine Venus in ihm schlummerte wie ein Faun oder Satyr. Trotdem bedarf es, um dieses Leben zu wecken und in unvergänglicher Form zu sichern, nur weniger Gesege, im Grunde vermutlich des einzigen Gesetzes der Proportion. So auch der Staat: je einfacher er ist, desto gesün- der das Leben in ihm, und je gesünder das Leben, desto einfacher wiederum die staatlichen Gesege. Drakon wurde in der Ueberliefe- rung(nicht in der wirklichen Geschichtsschreibung) zum sprichwört- lichen Henker, der seine Gesege mit Blut schrieb, aber schließ-
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