Der Machtkomplex
genommen den des persönlichen Charakters— die Reaktionäre von 1933 waren ebenso tückisch, brutal und hemmungslos, wie die Revolutionäre von 1918 harmlos, gewissenhaft und unentschieden waren; aber der Augenblick ist zu ernst, als daß man nach irgend- einem Beiwerk greifen dürfte, um den bitteren Geschmack des Wesentlichen abzuschwächen.|
Ausländische Beobachter entdecken heute— sie sagen:„sogar heute noch“ und meinen: eigentlich wäre es nun, da das größte Chaos sich zu lichten beginnt, doch wohl an der Zeit— im deut- schen Volke kein politisches Interesse, und je nach Einsicht und Urteilsfähigkeit wundern sie sich oder nennen sie Gründe. Die zwölfjährige Entwöhnung von der tätigen Anteilnahme am poli- tischen Leben ist einer, die materielle Not, die, da Menschen nun einmal keine ätherischen Geschöpfe sind, alle seelischen und kör- perlichen Kräfte auf sich zieht, ein anderer der möglichen Gründe. Ausschlaggebend ist ein dritter. Den Parteien, soweit sie bestehen, gelingt es nicht, das Volk aufzurütteln, mitzureißen und an sich zu fesseln. Sie haben keine Gedanken, die über die von gestern hin- auswiesen; keine Strenge des Wortes, die in einem so oft getäusch- ten Volke Glauben und Vertrauen wecken könnte; keine kom- promißlos programmatische Treue, die sich an den auftauchenden Fragen bewährte; keine mutige Klarheit der Persönlichkeit, die für Gegenwart und Zukunft, statt bestenfalls aus der Vergangen- heit heraus, lebendiges Vorbild wäre, gelebter Beweis für die Frei- heit, das Recht und die Menschlichkeit, die in unverbrüchlicher Dreieinigkeit jedem demokratischen Geset an die Stirn geschrieben sein müssen. General Eisenhower faßte die Stimmung des Volkes sehr klar zusammen:„Weite Kreise der Bevölkerung glauben, daß die Parteien und die Führer, die heute in den Vordergrund treten, weitgehend die gleichen sind, die seinerzeit unfähig waren, die Probleme der Weimarer Republik zu lösen oder die Machtergrei- fung durch Hitler zu verhindern, und daß diese Personen wenig zu bieten haben, was konstruktiv erscheinen könnte.“
Gemeinhin ist es ein Aktivum, wenn man von jemandem sagt, er
sei der alte geblieben. Heute ist es leider ein Passivum. Politik ist die Kunst, die Dinge dahin zu leiten, wohin sie unter dauernden Aspekten müssen, nicht dahin, wohin sie unter zeitlichen Bedin-
gungen wollen; eine Sache sowohl der Klugheit wie der Wissen-
schaft, der Wahl sowohl wie der Ueberlegung, des Urteils sowohl wie des Beweises. Denn gleich dem Journalisten setzt sich der Po- litiker aus drei Wesen zusammen. Er ist Chronist, indem er die Ereignisse verzeichnet. Er ist Betrachter, indem er sie wägt und deutet. Er ist Sinn- und Geseßgeber, indem er aus ihnen die geschichtsbildenden Elemente ausliest und danach die Richtung zu-
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