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28 Der Machtkomplex
Nationalisten charakterisieren wollen, so hätte er nichts Kenn- zeichnenderes sagen können—„ein Mann, der die meisten Leute zu den meisten Dingen und sich selbst zu allem überreden kann“. Wenn aber etwas schlimmer und gefährlicher ist, als daß ein Mensch schwindelt oder sich beschwindeln läßt, so ist es dies, daß er von der Ehrlichkeit des Geschwindelten überzeugt ist. Nicht erst die zwölf Jahre einer„gelenkten‘ Presse, sondern.bereits ihre zahlreichen nationalistischen Vorgänger mit dem unaufhörlichen Gebrodel der Zeit von 1920 bis 1933 haben das deutsche Volk zer- set. Ein großer Teil der Zeitungsleser hat die tägliche Abspeisung mit Gläubigkeit aufgenommen, ein geringer Teil ließ sie mit Ab- scheu und ohnmächtigem Zorn über sich ergehen, der weitaus größte Teil hat sich trot eines bleibenden Restes von Skepsis so lange Gift einträufeln lassen, bis er in entscheidenden Dingen allen Lügen und Verdrehungen zugänglich war und mit Zweifeln allen- falls Nebensächlichkeiten bedachte. Nur weil der deutsche Volks- körper schon durch und durch mit diesen Krankheitskeimen in- fiziert war, konnte der Nationalsozialismus mit seiner Maxime, daß der korrumpierteste Mensch auch der folgsamste sei, das letzte Stadiumrder Verseuchung erreichen und, wie alle totalitären Staats- verfassungen, die Menschen nicht in Tiere, sondern in Teufel ver- wandeln. Dies also war die eigentliche, diabolische„‚Systemzeit“, während die von Goebbels als solche angeprangerte Weimarer Republik ihre Energien auf nichts so leidenschaftlich verwandte wie darauf, systemlos zu sein. Es sind nicht die propagandistischen Details, die Goebbels zum Triumphe führten. Es ist der Gesamt-
trick, der auch feinere Gewissen einschläferte, indem er ihnen vor-
täuschte, die schlechten Instinkte seien in Wirklichkeit die guten. Raub und Willkür wurden Rechtsmoral, Sklaverei wurde soziale Fürsorge. Grandioser Mumpitg wurde Kunst, affenartiger Dilettan- tismus wurde Dichtung. Schwindel wurde Wahrhaftigkeit, Lüge wurde Religion.„Die Kräfte der Freiheit und Menschenrechte sind stärker als alle Kriegswaffen“, hat General MacArthur nach dem Siege über Japan, den legten der Aggressoren, festgestellt. Frei- heit jedoch ist erst wertvoll, wenn man weiß, wovon man frei sein muß, und das- müssen die Deutschen, müssen wir Deutschen nun lernen. Es ist der doppelte Weg von der Empfindung des Widernatürlichen als Natur und vom Widernatürlichen selbst zum Natürlichen.
„Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeiti‘“— So lasen die Pariser an einem feuchtgrauen Dezembermorgen 1793 über einer der Pro- klamationen, die sich unter der Herrschaft des Wohlfahrts- ausschusses folgten wie ein Hagelschauer dem anderen und mit dem stupiden Automatismus der zum Guillotinerummel erniedrig-
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