26 i Der Machtkomplex
Es ist nıcht einmal das Widernatürliche an sich, das so widerwärtig und unheilschwanger in der deutschen Geschichte ist; daß wir offenbar dazu verdammt sind, es als unsere Natur zu empfinden und es als solche zu bekämpfen, macht unser Leben von Gene- ration zu Generation schwerer und tragischer. Daher rührt es, daß wir mehr als andere Völker uns mit uns selbst beschäftigen und doch nicht zu einem klaren Ergebnis gelangen. Nirgendwo gibt es so viele Selbstporträts, zeichnerische und schriftstellerische, wie bei uns; jedes zeigt neue und andere, stets zutreffende Züge; jedes verwischt durch den einen Charakter den anderen, jedes wird rätselhafter, jedes wird vieldeutiger.„L’enigme allemand“, das deutsche Rätsel, ist beinahe genau so sprichwörtlich und unlösbar geworden wie„Querelle allemande“, die deutsche kleinliche Zän- kerei. Das Verräterischste ist immer der Gebrauch der Sprache. Für den Franzosen ist es in-Rede und Schrift eine. selbstverständ- liche Höflichkeit,„Monsieur“ Bidault zu sagen, wie der Ameri- kaner„Mister“ Truman oder der Engländer„Mister“ Attlee sagt. Im Deutschen aber klingt„Herr“ vor dem Namen polemisch, an- rüchig, ironisch.„Herr“ Hitler ist ganz etwas anderes als„Hitler“. Und noch etwas ist auffallend. Wo immer wir blättern, bei Lessing, bei Goethe, bei Hebbel, überall heißt es, wenn sie von ihrem Volke reden,„der Deutsche“ und„die Deutschen“, in der nämlichen Art des Unbeteiligten, Außen- und Abseitsstehenden, wie es bei ihnen„‚die Franzosen“ oder„.die Engländer“ heißt. Die Gewohn- heit ist über ein weiteres Jahrhundert auf uns übergegangen, oder historisch richtiger, ein weiteres Jahrhundert hat nichts daran zu ändern vermocht. Ein einziges Mal ist die Form„Wir Deutschen“ überliefert. Der sie anwandte, war Bismarck. Am 6. Februar 1888 prägte er im Reichstage das Wort:„Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“— und es war eine Drohung. „Nous autres“— unwillkürlich gerät man ins Französische. Wir anderen also— falls wir unsere Zunge zum Ungewohnten nicht geradezu zwingen, verbindet sie den Namen der Nation mit dem Artikel statt mit dem persönlichen Fürwort. Eine betrübliche Tat- sache: gehören wir wirklich nicht dazu? Die dunklen Ehrenmänner, denen der Marburger Professor Ebbinghaus den„Gesinnungs- dünkel“ attestiert hat, werden uns aller Wahrscheinlichkeit nach verdächtigen, die„deutsche Würde“ zu verlegen. Sie werden unsere Frage, die eine Frage der Verzweiflung ist, mit dem Neben- geräusch der Niedertracht bejahen. Schon hören wir da und dort die aus der Zeit nach 1918 vertrauten Stimmen, die hinter dem Tugendbarte des besorgten Patrioten ihre reaktionären Töne ein- schmuggeln:„Haltung, Stolz, keine Schuldbeteuerung, nicht sich selbst beschimpfen, nicht deutsche Eigenschaften anprangern...“
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