18 Verantwortlichkeit vor der Geschichte
zum Bekenntnis gehört zu den demokratischen Pflichten. Aber
es ist der Unterschied der Demokratie gegen die Autokratie, daß jede Pflicht ein Recht in sich schließt. Wer eine bestimmte Sache verlangt, ohne gegen eine andere, die ihr gefährlich werden könnte, Schuß zu gewähren, hat demokratischen Geistes keinen Hauch ver- spürt. Mit Macaulay ließe sich sagen, daß er, obgleich er sich libe- raler Denkungsweise rühmte, in Wahrheit ebenso engherzig sei wie irgendein Mönch aus den dunklen Jahrhunderten.
Dies ist ein Scheideweg: auf der einen Seite die Flagellanten, geißelschwingend, um das deutsche Volk, die Stirn in Staub und Asche, vor Zerknirschtheit bewußtlos zu machen; auf der anderen die Machiavellisten, Nachfahren der Hugenbergkämpen gegen die „Kriegsschuldlüge von Versailles“,.eifrig Hitler fluchend, um sich ein Alibi zu verschaffen, wenn sie das deutsche Volk mit verdäch- tiger Eile von der„Kollektivverantwortlichkeit‘ lossprechen. Die politische Vernunft ist weder hier noch dort. Wenn man im reli- giösen Bilde bleiben will, so ist die Buße ein Sakrament, bedingt durch die Sünde, mündend in die Gnade; bestehend nicht allein in der Zerknirschung des Herzens und nicht allein in der Los- sprechung nach dem Bekenntnis des Mundes, vollendet vielmehr durch die Genugtuung in Werken. Der Priester behält das Ganze im Auge, den läuternden Zusammenhang, den der bloße Prediger über der opportunistisch beurteilten Einzelheit vergißt. In die
politische Sprache der Demokratie übersett, heißt das, ein Volk.
zur Einsicht bringen, ihm den verlorenen Kausalnexus von Ver- gangenheit, Gegenwart und Zukunft wiedergeben, es zur Bewußt- heit seiner Fehler wie seiner Tugenden erwecken, seine Schwächen überwinden, seine Kräfte entfalten helfen. Keiner ist unter uns, dessen erste Regung nicht war, den Nationalsozialisten, die das Mittelalter wieder heraufführen wollten, in mittelalterlicher Münze, mit Vierteilen, Verbrennen oder Prangerstehen, heimzuzahlen. Es hat keinen Sinn, uns entgegenzuhalten, solche Gefühle der Rache und Vergeltung seien unmenschlich; im Gegenteil, es wäre nicht menschlich, sondern göttlich, hätten wir von allem Anfang an andere gehegt. Aber der Demokrat folgt niemals der ersten, son- dern immer der zweiten Regung. Er sucht, die Dinge klärend und auf das Ziel hinsteuernd, Distanz zu gewinnen. Die Frage des Um- fangs der individuellen Schuld ist so schwierig, daß sie angesichts der Notwendigkeit, Millionen von Einzelfällen zu prüfen, wohl niemals entschieden wird. Wir sind aber der Meinung, daß es falsch ist, die Frage so zu stellen. Das Wesentliche ist etwas anderes. Es gibt keine ,‚Männer, die Geschichte machen“ wie irgendein Deus ex machina. Jede Begebenheit zerfällt in einen sichtbaren und einen unsichtbaren Bestandteil, in die Aktion und ihre Trieb-
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