VERANTWORTLICHKEIT VOR DER GESCHICHTE
Die Geschichte bedient sich, um zu ihren Zielen zu gelangen, sehr ausgiebig der Träger von Uniformen, aber sie selber legt niemals eine Uniform an, sie huldigt der lebendigen Vielfalt und rückt Gegenwirkungen nahe an die Wirkungen. Im alten Griechenland lebten die Schüler eines Xenophanes, der die Welt als ungeordne- ten, erst durch das Denken zu erschließenden Scheinkörper auf- faßte, neben den Anhängern eines Leukippos, der in der Verbin- dung der Teile zu einem Ganzen die höchste und subtilste Welt- ordnung sah. Das Mittelalter vereinigte eiskalte Inquisitoren und brennende Mystiker. Das achtzehnte Jahrhundert gebar und pflegte Abenteurer wie Casanova und Cagliostro mit derselben Liebe wie die untereinander wieder abweichenden Philosophen Leibniz, Hume, Spinoza und Kant. Man wird dem Frankfurter Parlamentarier und nachmaligen Gesandten in Paris, Friedrich von Raumer, recht geben müssen, wenn er behauptet, ganze geschichtliche Zeiträume nur mit einer Idee ausfüllen zu wollen und an den einzelnen Menschen, Ereignissen, Tatsachen, Verhältnissen mit Seitenblicken vorüber- zugehen, hieße eine Parfumflasche mit Eau de mille fleurs höher achten als jede einzelne der tausend Blüten, deren Extrakt eine solche Flasche angeblich darstellt.
Unwillkürlich drängt sich die Erinnerung an diesen Vergleich auf, wenn man die mannigfaltigen Sorgen, Klagen, Gedanken, Skrupel und Zweifel verfolgt, die sich im Volke äußern. All die Resig- nation, die Verstocktheit und Gleichgültigkeit, die im Grunde die nationalistische Gesinnung fortsegt und begünstigt, all die Mut- losigkeit, die mit ihren Beschwerden soviel beweisen möchte und doch nichts beweist, außer daß die Anmaßung von gestern noch keineswegs überwunden ist, all der Widerspruchsgeist, der die Grundsteine besserer Zukunft nicht anerkennt, all die Verworren- heit, der ein tastender Blinder anheimfällt, die ganze Skala der Gefühle eines in seinen Tiefen erschütterten und richtungslos gewordenen Volkes finden sich darin. Nur Utopisten hätten frei- lich erwarten können, daß aus einem Baume mit Wurzelfäulnis, gleich nachdem die kranken Stellen freigelegt, herausgeschnitten und mit dem Karbolineum der Sühne bestrichen worden waren, in heller Fröhlichkeit grüne Zweige sproßten. Es ist schon viel, wenn wir den Eindruck gewinnen, daß der Baum nicht eingeht; und die- sen Eindruck haben wir. Wie hinfort in Deutschland jede andere, so ist auch die Frage der tatsächlichen oder moralischen Schuld
einzig unter staatsbürgerlichen Aspekten anzuschneiden. Der Mut
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