Druckschrift 
Die Unvergessenen / Ilse Stanley ; ins Deutsche übertragen von Ilse F. Stanley
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen

Denn ist es nicht wirklich zu gut, um wahr zu sein? Ilse Stanley war in den furchtbaren dreißiger Jahren an die niemand von uns, der sie in Deutschland erlebt hat, denken kann, ohne das wilde Gebrüll der Sturmtruppen wieder zu hören, dem jeder Schein der Menschlichkeit entzogen worden war die beliebte Tochter des Oberkantors der herrlichen Synagoge, die in der Fasanenstraße in Berlin stand. Der deutsche Kaiser war das Idol ihrer ersten Kindheitsjahre, und seine Hauptstadt war die Stadt ihrer Träume.

Dann kam die Mitleidlosigkeit der Verfolgung, das furcht- bare tägliche Grauen, das die Füdin zu durchleben hatte! Niemand hat jemals die vielfacettierte Chronik von Schrek- ken und Heldentum aus dem Inneren her so überzeugend wiedergegeben. Wir finden hier Seiten, Zusammenstöße mit der Gestapo schildernd, die Dostojewskij unzweifelhaft mit Bewunderung gelesen hätte. Andere sind so menschlich warm, daß sie beinahe mehr am Herzen reißen, als ein Herz aushalten kann. Aber über allem stehend finden wir unentwegt den heroischen Entschluß, dem Haß keinen wei- teren Bekehrten zu gestatten, sondern durch das Verstehen den Frieden zu suchen und zu finden, von dem so viele Menschen so leichthin reden, ohne jemals wahrhaftig zu wissen, was diese Worte bedeuten.

Dann behandelt das Buch ein neues Land, eine neue Liebe, einen neuen Vorsatz, unbeugsame Entschlossenheit. Immer alle Chancen gegen sich zu haben und nie zuzugeben, daß man dies ernst nehmen solle! Dieser Teil des Buches ist jedoch durchaus nicht einfach die Erzählung eines Immigran- ten. In gewissem Sinne hat unsere Autorin niemals wirklich ihre Zelte abgebrochen, trotz der mühseligen Wanderungen nach Ellis Island und des neuen, leidenschaftlichen Interesses an Amerika. Sie hat zu allen Zeiten mit ruhiger, gelassener Treue auf jener kleinen Insel der Seele verweilt, auf der diejenigen leben, die an die Menschheit glauben, weil sie von dem göttlichen Bild durchdrungen sind, was Mensch- heit in Wahrheit bedeutet und eines Tages werden mag. Ohne Zweifel ist Ilse Stanley in vieler Hinsicht absolut nicht das, was wir einen Heiligen nennen würden. Sie findet ihren Weg energisch zu einem Tisch in SARDTS und kämpft wie

8