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Zwillinge : Einführung in die Zwillingsforschung / von Reinhold Lotze
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144 Zwillingsforschung an seelischen Eigenschaften

dungen usw. auslösten, Die Ergebnisse dieses Tests zeigten, daß Bessie, die durch das Leben soviel herumgeworfen worden war, durchweg viel weniger zu stören und zu verwirren war als Jessie, Sie erwies sich als weniger unangenehm berührt durch die Dinge, die Ekel, Furcht, sexuelle Gefühle oder Argwohn auszulösen imstande sind und drückte durchweg viel weniger Ablehnungen aus als Jessie und wesentlich weniger als dies für den Durchschnitt der sonst| Untersuchten festgestellt wurde. Dagegen lehnte Jessie mehr ab als der Durchschnitt. Bessie| hat auch eine kleinere Liste von Dingen, die sie ängstigen oder die sie als Unrecht ansieht. Ein Teil der Unterschiede kann durch die Tatsache erklärt werden, daß Jessie eine viel furchtsamere, leichter verletzbare Pflegemutter hatte als Bessie, und daß sie nunmehr selbst eine Familie besitzt. Daß sich die Zwillinge im Laufe der Jahre gefühlsmäßig in verschie- dener Richtung entwickelt haben, wissen sie auch selber; zwei Umwelteinflüsse haben haupt- sächlich dazu beigetragen: Als Jessie heiratete, war Bessie verlobt, brach aber ihre Verlobung ab. Während Jessie ein glückliches Familienleben führte, ging Bessie während des Kriegs nach Europa und brachte auf Grund ihrer Erlebnisse freiere Ansichten und andere Wert- maßstäbe mit. Die Eigenschaften des Willens und des Temperaments wurden mit dem Downey Will-Temperament-Test" geprüft, Auch hier zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Schwestern, Bessie reagierte viel stärker gegen Widerspruch und gegen- sätzliche Haltung als Jessie, die Verheiratete, Sie zeigte sich auch rascher, beweglicher, ging schneller zu ihrer Höchstleistungsfähigkeit über und konnte besser verschiedene Tätigkeiten zugleich ausüben als Jessie, Sie zeigte dabei weniger Interesse für Einzeldinge, war weniger anpassungsfähig und weniger geneigt, die einmal gefaßten Beschlüsse zu ändern. In den Er- gebnissen dieses Tests drückten sich damit deutlich gewisse Erfahrungen und Einwirkungen des Lebens der beiden Schwestern aus,

Die Testuntersuchung ergibt also, daß die beiden Schwestern inihrer Intelligenz nahezuvollkommenübereinstimmen, inGefühl, Temperamentund Willeaber recht verschieden erscheinen. Bessie selbst schreibt aber 1933 an SAUDEK:Ich fühle, daß ich und meine Schwester in unseren Temperamenten im Grunde weitgehend übereinstimmen, obwohl die meisten Menschen, die uns während des letzten Jahres zusammen gesehen haben, mit uns darüber nicht einig sind. Ich fühle, daß unsere Unterschiede meistens oberflächlich und das Ergebnis verschiedener Erziehung sind. Auch der Gatte von Jessie sieht nur geringe Unterschiede, falls überhaupt welche, zwischen den Zwillingen; er sagt, daß es ihm gleich sei, mit welcher der Schwestern er beisammen ist.

Kann auf Grund der Ergebnisse einer Testuntersuchung ein wesentlicher Unterschied als erwiesen angesehen werden, wenn die Schwester selbst den Kern der Persönlichkeit als gleich ansieht? Darauf ist zu sagen, daß die Erfassung des ganzen Menschen wesentlicher ist und zu einem richtigeren Eindruck führt als die zahlenmäßige Auswertung einer künstlich ge- schaffenen Versuchsanordnung. Tatsächlich ist in keiner Weise die Gewähr geboten, daß der Test das Wesentliche bloßlegt und eine sinnvolle Messung seelischer Unterschiede erlaubt. So gut seelische Unterschiede mit dem als richtig und brauchbar angenommenen Test ge- messen werden, könnte der umgekehrte Gedankengang durchgeführt werden: Da EZ erbgleich sind, so können Zwillinge, die nach dem Gesamteindruck ihrer Persönlichkeit als gleich zu werten sind, dazu benützt werden, den fraglichen Test zueichen, Der eine wie der andere Schluß ist gleich berechtigt. Wir sind an und für sich geneigt, den von uns benützten Maß- stab alsrichtig zu betrachten; diese Voraussetzung kann aber auf dem Gebiet des Seelischen nicht als zutreffend bewiesen werden, Ob errichtig ist, zeigt der Maßstab nur damit, daß die mit ihm gewonnenen Resultate so sind, daß sie sich in die Gesamtheit der Beobachtungen und der ordnenden Vorstellungen ohne Widerspruch einfügen. Im Fall der MULLERschen Zwillinge besteht der Gesamteindruck, daß Temperament und Charakter der beiden Zwillinge auf alle Fälle viel ähnlicher sind, als der nicht unerhebliche Unterschied in den Ergebnissen der Testuntersuchung zunächst vermuten läßt. Die gefundenen Unterschiede sind Modifi- kationen einer gleichen Erbanlage. Unterschiede sind aber tatsächlich vorhanden. Allein für sich genommen führen die MULLERschen Zwillinge, die seinerzeit als erstbeschriebenes ge- trennt erzogenes Zwillingspaar starke Beachtung fanden, zu dem Schluß, daß die Intelligenz- leistungen so gut wie ausschließlich erbbedingt seien, Gefühl und Charakter aber weitgehend von Einflüssen der Umwelt geformt werden könnten. Ein einziger Fall genügt aber in keiner Weise, einen solchen Schluß wirklich zuzulassen. Es war klar, daß abgewartet werden mußte, was die Untersuchung weiterertwins reared apart" bringen werde, NEWMAN gab von 1929 bis 1934 9 solcher Fälle bekannt.