18 Die Entstehung von Zwillingen und höheren Mehrlingen
der Beweis für sein Vorkommen natürlich nur sehr schwer erbracht werden kann. Es wird von einem Fall berichtet, bei dem eine weiße Mutter, die mit zwei Männern verschiedener Rasse verkehrt hatte, Zwillinge zur Welt brachte, von denen der eine rein weiß, der andere ein Negermischling war.
Eine andere, an und für sich denkmögliche Art der Zwillingsbildung ist stark umstritten. Es könnte sein, daß trotz der Befruchtung eines Eies und der damit beginnenden Schwanger- schaft infolge Versagens der vom Gelbkörper ausgehenden hormonalen Hemmungsvorgänge nochmals eine Menstruation eintreten würde, so daß in der folgenden Periode oder vielleicht sogar noch später nochmals ein Ei ausgestoßen würde, das damit erst lange nach dem ersten Ei zur Befruchtung käme. Daß ein solcher Vorgang, der als Überfruchtung(Super- foetatio) bezeichnet wurde, tatsächlich vorkomme, wurde deshalb vermutet, weil Zwil- lingsfrüchte oft sehr starke Größenunterschiede aufweisen und deshalb verschiedenes Alter zu haben scheinen, Es ist aber durchaus möglich, daß ein solcher Unterschied von der un- günstigen Ernährung und Lage eines der Zwillinge herrührt; starke Entwicklungsunterschiede kommen sogar bei eineiigen Zwillingen, die ja sicher gleichalterig sind, häufiger vor als bei zweieiigen Zwillingen. Im übrigen ist die Ausstoßung eines Eis nach Eintritt einer Schwanger- schaft tatsächlich noch in keinem Fall einwandfrei beobachtet worden; das Gelbkörper- hormon scheint mit völliger Zuverlässigkeit zu wirken. Nach WEBER läßt sich zwar„die Superfoetation als Möglichkeit nicht leugnen; sie ist aber im höchsten Grade unwahrschein- lich und bisher noch nicht bewiesen”,
Wie steht es nun aber mit jenen anderen, unerhört ähnlichen Zwillingen? Ihre Übereinstimmung, wie sie Bild 10 für 6 Paare zeigt, ist so auffallend und erregend, daß ganz von selbst die Vermutung herausgefordert wird, sie müßten ihre Entstehung einem Vorgang besonderer Art verdanken, Eine Beobachtung von geburtshilflicher Seite füste sich hier ein, In der Mehrzahl der Fälle entwickeln sich Zwillinge in getrennten Eihäuten; die Nachgeburt läßt dann die getrennten Chorien und Amnien ohne weiteres erkennen. Daneben kommen aber auch Zwillingemitgemein- samen Eihäuten zur Welt. Die Zwillinge haben zusammen nur ein Chorion; innerhalb des Chorions kann aber jeder Zwilling ein besonderes Amnion haben, in selteneren Fällen haben sie auch ein gemeinsames Amnion. Nun fand man schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, daß die in einem gemeinsamen Chorion ge- bildeten Zwillinge immer gleichgeschlechtig sind, und später zeigte es sich, daß sich solche Zwillinge immer auch durch die erwähnte außerordentliche Ähnlichkeit aus- zeichnen. Auf Grund dieser Tatsachen erwuchs die Ansicht, daß sich derartige Zwillinge aus einem einzigen Ei entwickelt hätten. Die Keimesgeschichte zeist, daß ein einheitliches Chorion, das ja aus dem Trophoblasten entstanden ist, nur aus einem Ei hervorgegangen sein kann. Für die Bildung der ähnlichen Zwillinge konnte angenommen werden, daß sich ein bis dahin einheitlicher Keim in einem frühen Stadium der Embryonalentwicklung, aber nach der Bildung des Tropho- blasten, in zwei gleiche Hälften gespalten hat; jede Hälfte hätte sich dann zu einem selbständigen Wesen entwickelt. Es würde sich demnach um Zwillinge handeln, die auf dem Wege der Spaltung aus einem befruchteten Ei entstanden sind, also um ein- eiige Zwillinge.“
Diese Ansicht bildete sich schon zu einer Zeit, als über Befruchtung und Ver- erbung erst recht ungenaue und dunkle Vorstellungen bestanden. Die Erklärung ging von geburtshilflich tätigen Ärzten aus; der entscheidende und wesentliche Tat-
* In der Fachliteratur haben sich die Abkürzungen EZ für eineiige Zwillinge, ZZ für gleichgeschlechtige zweieiige Zwillinge und PZ für ungleichgeschlechtige zweieiige Zwillinge (Pärchenzwillinge) allgemein eingebürgert. Eine Abkürzung für zweieiige Zwillinge schlecht- hin fehlt hierbei; recht häufig wird fälschlicherweise auch hierfür die Abkürzung ZZ ver- wendet. In der vorliegenden Arbeit wird für zweieiige Zwillinge die Abkürzung zZ benützt; die schon allgemein anerkannten Abkürzungen werden auf diese Weise nicht gestört, Die zweieiigen Zwillinge(zZ) gliedern sich in gleichgeschlechtige zweieiige Zwillinge(ZZ) und Pärchenzwillinge(PZ). Es gilt also: zZ= ZZ+ PZ.


