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Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau / Josef Wulf
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Die letzten Nachrichten aus Polen lassen deutlich erkennen, daß die Deutschen offenbar entschlossen sind, auch die letzten noch lebenden Juden in Polen mit grausamer Brutalität auszurotten. Hinter den Mauern des Warschauer Ghettos rollt jetzt der letzte Akt einer Tra- gödie ab, die in der Geschichte ohne Beispiel ist. Gewiß tragen die Mörder im Grunde genommen selbst die Verantwortung für die Aus- rottung des gesamten polnischen Judentums; indirekt aber erstreckt sich diese Verantwortung auch auf die übrige Menschheit, auf die Völ- ker und Regierungen der Alliierten, denn sie haben nicht einmal den Versuch unternommen, solche Verbrechen zu verhindern oder ihnen ein Ende zu bereiten. Indem sie unbeteiligt zuschauten, wie hilflose Millionen gemarterter Kinder, Frauen und Männer ermordet wurden, haben sich diese Nationen auf die gleiche Stufe mit den Verbrechern gestellt.

Ich möchte hier feststellen, daß die polnische Regierung nicht nach- drücklich genug eingriff, wenn sie auch versuchte, die öffentliche Mei- nung wachzurütteln. Verglichen mit dem Drama jedoch, das sich in Polen abspielte, standen diese Schritte in keinerlei Verhältnis. Einem Bericht des Führers der UntergrundbewegungBund ist zu entneh- men(das Schreiben wurde durch Kurier übermittelt), daß von dreiein- halb Millionen polnischer Juden und 700 000 aus anderen Ländern nach Polen verschleppten Juden im April 1943 lediglich noch 300 000 Seelen am Leben waren.

Ich kann das nicht stillschweigend hinnehmen. Ich kann aber auch nicht weiterleben, wenn dort noch der Rest des polnischen Judentums, zu dem zu gehören auch ich die Ehre habe, umkommt. Mit der Waffe in der Hand starben meine Freunde im letzten heldenhaften Kampf des Warschauer Ghettos. Mein Schicksal hat es nicht gewollt, daß ich mit ihnen gemeinsam sterbe. Doch auch ich gehöre zu ihnen in die Massen- gräber.

Durch meinen Tod möchte ich zum letztenmal gegen jene Passivität protestieren, mit der die ganze Welt zusieht und es zuläßt, wie das jüdische Volk ausgerottet wird.

Wie wenig ein Menschenleben heute gilt, weiß ich selbst. Lebend ver- mochte ich nicht viel zu wirken. Ich hoffe jedoch, daß mein Tod viel- leicht dazu beitragen wird, jene aus ihrer Lethargie wachzurütteln, die

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