ganzer Stab daran, sorgsame Messungen vorzunehmen, denn es bestan- den verschiedene Hinweise auf das Kellerversteck. Nach unendlich mühe- voller Arbeit gelang es endlich im September 1946, die ersten zehn Metallkisten im Keller des früheren Hauses Nowolipkistraße 68 aufzu- finden'). Für den Schreiber dieser Zeilen bedeutete es ein erschütterndes Erlebnis, als die erste Kiste freigelegt wurde, und er sie mit den Händen berühren konnte.
Konservatoren öffneten später die Kisten. Jeder Bogen wurde fach- männisch berührt und sorgsam getrocknet. Heute aber bilden diese vielen tausend Seiten, deren opferbereite und größtenteils umgebrachte Schreiber Bewohner des Warschauer Ghettos gewesen sind, das Ringel- blum-Archiv%). Zwei Mitarbeiter Dr. Ringelblums überlebten: Die Schriftstellerin Rachel Auerbach und Hersz Wasser. Wie gut verstand ich ihre tiefe Ergriffenheit, als sie schweigend die feuchten oder manch- mal gar halb verfaulten Bogen dieses sonderbaren Märtyrer-Archivs betrachteten)).
Alle Notizen, Bemerkungen usw. sind eilig im Telegrammstil auf- geschrieben. Oft falsch stilisiert, ohne rechten Satzbau und voll gramma- tikalischer Fehler. Wenn man der Situation gedenkt, in der sie notiert wurden, ist das begreiflich.
Auf einem noch feuchten Bogen Papier las ich beispielsweise damals:
„Während der Aussiedlung der Juden Warschaus schreibe ich mein Testament. Sie dauert schon ununterbrochen seit dem 20. Juli(1942). Auf der Straße darf ich mich nicht blicken lassen, aber auch in der Wohnung ist man nicht sicher. Jeder Kontakt mit unseren Kameraden ist unterbrochen. Zu dritt sind wir übrig geblieben: Kollege Lichtenstein, Grzywac und ich. Wir beschlossen, ein Testament zu machen, etwas
i) Ein weiterer Teil wurde erst im Dezember 1950 entdeckt und ausgegraben. Außer- dem fanden auch jüdische Parteien, die im Untergrund tätig waren, Teile ihrer Ghetto- Aufzeichnungen. Die Ausgrabungsaktion kann bis heute nicht als beendet angespro- chen werden, denn noch im Juli 1957 z.B. fand man unter der Ruine eins Stawski- straßenhauses des einstigen Warschauer Ghettos eine Sammlung von 100 Zeichnungen und Karikaturen, die J. Sak von 1942—1943 dort schuf.
k) Die Originale befinden sich im Jüdischen Historischen Institut in Warschau.
l) Auch Zeichnungen, die im Ghetto selbst entstanden, befanden sich darunter. Die Künstler wurden umgebracht.
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