Druckschrift 
Die Endlösung : Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939 - 1945 / Gerald Reitlinger ; ins Deutsche übertragen von J. W. Brügel
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen

DIE ENDLOSUNG VORBEREITUNG UND BEGINN DER ENDLOSUNG

„Er war in allen Dingen ein ausgesprochener Bürokrat. Über jede Unterredung, die er mit irgendeinem seiner Vorgesetzten hatte, fertigte er sofort eine Aktennotiz an. Er hat mich immer wieder darauf hingewiesen, daß dies das Wichtigste wäre, damit er jederzeit von oben gedeckt wäre. Er selbst scheute jede eigene Verantwortung und war sehr bemüht, für alle Maßnahmen, die er traf, eine Deckung seiner Verantwortlich- keit seinen Vorgesetzten gegenüber— in diesem Falle von Müller und Kaltenbrunner— zu erreichen.”

5. Auswanderung nach Kriegsausbruch

Am 4. Juli 1939 war Heydrichs Todesreich vollständig. Die neueste Zugabe zu den Nürnberger Gesetzen, die„Zehnte Verordnung zum Reichsbürgergesetz”, hatte die Reichsvereinigung der jüdi- schen Hilfsorganisation des Altreiches in eine offizielle jüdische Bürokratie unter der Kontrolle des Befehlshabers der Sicherheits- polizei und des SD verwandelt®. Die Juden waren Gefangene des SS-Staates. Sie hatten zwar ihre eigenen Steuern einzuheben und ihre sozialen Einrichtungen zu verwalten, aber sie hatten die meisten der ohnehin schon eingeschränkten Rechte der Berufung auf das für alle geltende Recht des Landes verloren, die ihnen die ursprünglichen Nürnberger Gesetze gelassen hatten. Sie lebten in einem Ghetto ohne Mauern.

Unter dem Deckmantel der„Zehnten Verordnung“ wurde die Ent- eignung jüdischer Firmen ohne Zahlung auch der nominellen Ent- schädigung in Staatspapieren, die in der Verordnung von 1938 vorgesehen war, durchgeführt, aber der Prozeß ging langsam vor sich, und bei Kriegsausbruch gab es immer noch einige jüdische Privatbanken und einige Firmen, die Pelze und Textilien ausführ- ten. Für die große Mehrheit der 375000 Juden des Großdeutschen Reiches einschließlich Österreichs und des Protektorates gab es keinen regelrechten Beruf, und vollkommene Verelendung wurde von ihnen nur durch die Anordnung über Zwangsarbeit vom März 1939 abgewendet. Aber auch im Rahmen dieser Maßnahme war die Zahl derjenigen, die Arbeit hatten, unverhältnismäßig gering. So waren nur 20000 Juden in Berlin beschäftigt, obwohl es bei Ausbruch des Krieges dort 95000 gegeben hatte. Die Juden waren zur Arbeit im Baugewerbe und in der Landwirtschaft ver- pflichtet, aber der Rüstungsindustrie war es gestattet, die fachlich

32