DIE ENDLOSUNG VORBEREITUNG UND BEGINN DER ENDLOSUNG
fänglichkeit für den Antisemitismus ausgesucht. Dann folgt fol- gender Satz: „Je ärmer und damit belastender für das Einwanderungsland der einwandernde Jude ist, desto stärker wird das Gastland reagieren und desto erwünschter ist dieWirkung im deutschen propagandistischen Interesse.” Dieser Satz umreißt die neue deutsche Politik gegenüber den Juden, die durch das Münchner Übereinkommen ausgelöst wurde, in treffender Weise.
2. Die Kristallnacht
Die Deportationen vom 28. Oktober 1938 hatten eine doppelte Bedeutung. Sie zeigten den Juden, was sie zu erwarten hatten, falls Hitler Gebiete im Osten besetzen sollte, und sie waren der unmittelbare Anlaß des Attentats auf Ernst vom Rath, denn Her- schel Grynszpan, der die Schüsse auf Rath abgab, war der Sohn eines Juden, der über die schlesische Grenze bei Benschen ge- trieben worden war.
Am 7. November wartete dieser 17jährige Junge, der einen Onkel in Paris besuchte, auf der Treppe der Deutschen Botschaft, um den Botschafter Graf Johannes von Welczek zu töten. Hat Herschel Grynszpan gehofft, durch seine Tat die Periode der Beschwich- tigungspolitik den Diktatoren gegenüber zu einem Abschluß zu bringen, indem er die französische Regierung in einen Konflikt mit Hitler verwickelte, oder war er selbst bloß ein Werkzeug anderer höherer Kräfte, wie die deutsche Propaganda behaup- tete? Wenn das letztere der Fall war, dann hatte man ihn für seine Aufgabe höchst mangelhaft geschult, denn nur ein Naivling oder ein Opfer von Halluzinationen konnte annehmen, daß Bot- schafter ins Treppenhaus zu kommen pflegen, um mit fremden Besuchern Rücksprache zu nehmen, oder daß sie normalerweise so jung sind wie der unglückliche dritte Sekretär, den man aus- gesandt hatte, um sich den Besucher anzusehen. Ungleich Wilhelm Gustloff, einem anderen deutschen Funktionär, der von einem Ju- den erschossen wurde, war vom Rath alles andere als ein be- geisterter Nationalsozialist; er wurde sogar von der Gestapo wegen abfälliger Bemerkungen über das nationalsozialistische Regime überwacht. Auch war Ernst vom Rath keineswegs ein Anti- semit. Die wahren Motive Herschel Grynszpans wird man wohl
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