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ERSTES KAPITEL 1. DIE NURNBERGER GESETZE
mehr als einmal vor, dann brauchte Hitlers Hofstaat— der Propa- gandaminister Goebbels und Bormann, der Leiter der Parteikanz- lei, beide fanatische Judengegner— Hitler bloß einen Wink zu geben?.
Abgesehen von seiner Bedeutung für den Aufstieg Himmlers und dessen Organisation hatte das Blutbad unter der Gefolgschaft Röhms vom 30. Juni 1934 noch einen anderen und nicht minder starken Einfluß auf die später einsetzende Politik der Ausrottung des europäischen Judentums. Der Machtantritt des Nationalsozia- liimus war eine politische Revolution ohne Vorhandensein einer enterbten Klasse, und die Juden bildeten nach dem Verschwinden der Kommunisten die einzige Zielscheibe, auf die die Anführer des Mobs, die„alten Kämpfer“ der SA, ihre animalischen Instinkte lenken konnten. In dieser Phase gab es jedoch keine Andeutung einer rassischen Ausrottung der Juden. Aber in der zweiten Phase einer Revolution, in der Phase der politischen Geheimpolizei, wird revolutionären Leidenschaften nicht mehr freier Lauf gelassen. Sie werden sozusagen rationiert. Es gibt keinen Krakeel in der Bier- halle mehr und kein willkürliches Paradieren von Uniformen und Bannern. Der Staatsfeind wird jetzt durch Polizeivorschriften defi- niert, und jedem Mann von echter Rasse und guter Gesinnung muß sein„Untermensch” als Opfer zugeteilt werden.
Das war der Sinn des Sieges von Himmler und Heydrich im Juni 1934: Hermann Göring, der preußische Ministerpräsident, berief sie und gab ihnen den Auftrag, dem Treiben der„alten Kämpfer" Einhalt zu gebieten. Den Juden wurde das erst mehr als ein Jahr später klargemacht, als am 15. September 1935 die Nürnberger Gesetze veröffentlicht wurden, das teuflischste Gesetzeswerk, das die Geschichte Europas kennt. Aber selbst damals, als wohl zum erstenmal seit den Tagen des Feudalismus das Gesetz bestimmte, daß es zwei verschiedene Kategorien von Menschen gibt, waren sich wahrscheinlich die Juden in Deutschland kaum dessen bewußt, Hauslehrer in der bayrischen Königsfamilie gewesen war, seinen Sohn Heinrich für ein Leben als Landwirt vorbereitete. Ich halte das für sehr typisch für Himmler. Die von Kersten aufgezeichneten„Dschingis-Khan”-Tagträume, die durch Lektüre der Reden Himm- lers in Metz und Posen(siehe Seite 334) im Original studiert werden können, stammen von der Manier, sich der Gesellschaft, in der er sich bewegte, hauptsächlich der von Generälen der Polizei, anzupassen. Diejenigen, die Himmler gut kannten, sprachen sich über ihn im gleichen Sinne aus wie Dr. Gebhardt, der ihn„nicht originell, keine ge-
spaltene Persönlichkeit, aber sehr fleißig” nannte(Frangois Bayle, Croix Gammee contre Caducee, Neustadt 1950, S. 219/220).


