tatsächlich von Staats wegen so Furchtbares wie Völkermord angeordnet worden ist. Diese Frage lautet: Was sind das für Menschen, die imstande waren, so etwas zu tun? Aus dem unübersehbar großen Personenkreis derer, die damals mitgewirkt haben, werden nur einzelne an Hand ihrer Tage- bücher und Briefe persönlich vorgestellt. Kein Individuum kann einem anderen gleichgesetzt werden. Jede Verallgemeinerung ist problematisch, manchmal sogar gefährlich. Zudem verdanken wir die Auswahl dem Zufall, sie kann also schwerlich als typisch bezeichnet werden. Trotz all dieser Einschränkungen ist es nicht nur interessant, sondern auch lehrreich, den Charakter des ehr- geizigen, eifrigen jungen Arztes Dr. Mennecke zu studieren, der aus seinen Briefen spricht, oder den des pedantischen, kleinlichen alten Universitätsprofessors Dr. Kremer, den dessen Tagebuch beredt darstellt. Das sind Menschen, die Hitler dazu bringen konnte, schuldig zu werden wie sehr sie es wurden, schildern sie selbst. Es ist beklemmend und stimmt nachdenklich, wenn man den liebessüchtigen, machttrunkenen Felix Landau und den so biederen Fritz Jacob kennenlernt, die sich beide in gleichgül- tigem Ton, ganz beiläufig, mit Taten brüsten, die wohl auch Leser schaudern machen, die schon manches gehört haben. Das handgeschriebene, persönlich geführte Tagebuch von Otto Bräutigam nimmt eine Mittelstellung zwischen den diktierten Äußerungen der Prominenten und den Tagebüchern der Täter ein. Seine Aufzeichnungen haben ebenfalls privaten Charakter. Aber er war nicht dorthin gestellt, wo es galt, mit eigener Hand die blutigen Befehle auszuführen. Bräutigam hatte im Ministerium für die besetzten Ostgebiete des Reichsleiters Rosen- berg eine leitende Stellung. Ja, es war ihm gestattet, an Bespre- chungen mit Hitler teilzunehmen. So notiert er einmal stolz in seinem Tagebuch:Der Führer schüttelte mir sehr herzlich die Hand. Trotzdem trennt ihn ein weiter Abstand in der Hierarchie des nationalsozialistischen Machtapparates von Leuten wie Frank oder gar Goebbels. Wenn man persönlich gehaltene Tagebücher ohne Wissen der Schreiber publiziert, gilt es, Hemmungen zu überwinden. Die hier verwendeten Tagebücher müssen jedoch bereits als historische Dokumente gelten. Eine Veröffentlichung ist daher nicht nur ge- stattet, sie ist notwendig. Die Trauer, die Professor Dr. Kremer über den Tod seines geliebten Kanarienvogels empfindet, ist ein rein privates Gefühl, solange dieser Gelehrte noch nicht nach Auschwitz kommandiert war. Danach aber ist es für die Öffent- lichkeit interessant, zu erfahren, was dieser Universitätsprofessor, der imstande war, mit einfachen Handbewegungen Hunderte, ja 14