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Faschismus - Getto - Massenmord : Dokumentation über Ausrottung und Widerstand der Juden in Polen während des Zweiten Weltkrieges / herausgegeben vom Jüdischen Historischen Institut Warschau. Ausgewählt, bearbeitet und eingeleitet von Tatiana Berenstein, Artur Eisenbach, Bernard Mark und Adam Rutkowski
Entstehung
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Weichsel ein sogenanntes Judenreservat zu bilden, in dem die Hitlerbehörden einen großen Teil der Juden zu konzentrieren und zu isolieren beabsichtigten. Die Juden sollten in diesem Reservat, für welches das Gebiet von Lublin in Betracht gezogen wurde, u.a. zwangsweise bei verschiedenen Grenzbe- festieungsarbeiten eingesetzt werden. Von November 1939 bis März 1940 wurden in die Gegend von Lublin Judentransporte aus dem sogenannten Warthegau, aus dem Bezirk Zichenau und aus Danzig eebracht. Im Frühjahı 1940 ließen die Nazibehörden diesen Plan fallen.

Kurz darauf wurde ein anderer Plan gefaßt: Die vielen Millionen euro- päischer Juden sollten auf der Insel Madagaskar konzentriert we rden. Dieseı Plan wurde von den zentralen deutschen Behörden von Mai bis August 1940 erwogen. Nach der Besetzung Frankreichs und dem Abschluß eines Waflen- stillstands mit diesem Land hoffte die Reichsregierung nämlich, diese Insel samt anderen französischen Kolonien in Besitz zu nehmen. Es wurden vom Reichssicherheitshauptamt und vom Auswärtigen Amt schon konkrete Pläne zur Deportation von Millionen Juden aus den besetzten europäischen Ländern nach Madagaskar ausgearbeitet. Nach den Vorstellungen der Nazis sollte diese Insel ein Mandatsgebiet des Dritten Reiches werden und eın riesiges KZ-Laser bilden, welches von SS-Führern verwaltet und von der übrigen Welt durch eine Kette deutscher See- und Flugbasen abgeschnitten werden sollte. Die dorthin deportierten Juden sollten auf einem möglichst niedrigen Lebensniveau gehalten werden. Unter diesen Bedingungen wäre ihre völlige physische Vernichtung nur noc h eine Frage der Zeit gewesen.

Schließlich sah sich die Hitlerregierung aus militärischen und politischen Gründen gezwungen, den Plan zur Massendeportation der Juden nach Mada- caskar aufzugeben. Als der Angriff auf die Sowjetunion vorbereitet wurde, erwosen die Hitlerbehörden bereits andere Möglichkeiten zur Judenver- nichtung.

Gleichlaufend mit der Ausarbeitung der Pläne über die Konzentration von Juden in den sogenannten Reservaten sowohl im Generalgouvernement östlich der Weichsel als auch auf der Insel Madagaskar- ergriffen die Nazis Maßnahmen, um die Juden von der polnischen Bevölkerung in jedem einzelnen Ort systematisch zu isolieren. Anfangs wurden Verordnungen erlassen, die die Juden zum Tragen besonderer Kennzeichen zwangen, ihnen das Benutzen von Eisenbahnen und später auch von allen anderen Verkehrsmitteln ver- boten und ihnen Aufenthaltsbeschränkungen auferlegten. Zu dieser Zeit wurden eine ganze Reihe derartige: diskriminierender und grausamer Ver- ordnungen erlassen. Gleichzeitig wurde damit begonnen, die jüdische Be- völkerung in den Städten durch Zusammenfassen in besonderen Wohn- bezirken(Gettos) zu isolieren. In der ersten Zeit richteten die Nazibehörden nur wenige Gettos ein; hauptsächlich in Städten, in denen die Wohnungsnot besonders eroß war oder aus denen die Juden ausgesiedelt bzw. in welche die aus den polnischen Westgebieten deportierte Bevölkerung eingewiesen werden

sollte. Diese beiden Ursachen zusammen bewirkten z. B. die Errichtung des

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