VORWORT
Der vorliegende Dokumentenband macht den deutschen Leser mit einem der grauenhaftesten Kapitel der an Scheußlichkeiten wahrhaftig nicht armen Praxis des ‚Dritten Reiches‘ bekannt. Er legt die Methoden bloß, deren sich die deutschen Faschisten bedienten, als sie die jüdische Bevölkerung der Teile Europas systematisch vernichteten, die sie zeitweilig unter ihre Herrschaft gebracht hatten. Möge kein Leser den Band aus der Hand legen und sagen, die hier geschilderten schrecklichen Begebenheiten gehören glücklicherweise der Vergangenheit an, seien Geschichte und nur insoweit von Interesse.
Die jüngsten antisemitischen Ausschreitungen in Westdeutschland belehren eines anderen. Der industriell betriebene Mord, den die Nazis an 6 Millionen europäischen Juden in den eigens hierfür geschaffenen Vernichtungszentren in Polen und in der Sowjetunion begingen, war eine Etappe, die letzte, in dem„Kampf gegen die jüdisch-bolschewistische Weltpest‘‘. Wenige Deutsche haben sie vorausgesehen, als die Goebbels und Streicher den traditionellen Antisemitismus bestimmter Kreise in Deutschland in den 20er Jahren in eine satanische Hetze gegen jedweden Juden verwandelten. Die Synagogen- schändungen, die Hetzparolen an Zäunen und Häusern, das ‚Deutsche, kauft nicht bei Juden!‘ waren ihnen wichtige Mittel hierbei. Wir Deutschen haben alle Ursache, jede Äußerung des Antisemitismus nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern entschieden dagegen Front zu machen. Der Ruf ‚‚Wehret den Anfängen!“ gilt vielleicht nirgendwo mit größerer Berechtigung als hier. Judenverfolgungen sind in der Geschichte nicht selten. Durch das ganze Mittelalter zieht sich eine Kette von blutigen Pogromen gegen die jüdischen Gemeinden. Bekannt sind die Greueltaten, die von der katholischen Inqui- sition an den Juden in Spanien begangen wurden und die einige hunderttausend Juden aus Spanien vertrieb. In der Neuzeit erregten die barbarischen Pogrome, durch die der Zarismus von der Zurückgebliebenheit der russischen Verhältnisse abzulenken suchte, und die blutigen Exzesse der ukrainischen Nationalisten in den Jahren der imperialistischen Intervention gegen Sowjet- rußland die Weltöffentlichkeit.
Weniger bekannt ist, daß in Deutschland z. B. die Zeit vom 11. bis 15. Jahr- hundert eine ununterbrochene Periode blutiger Verfolgungen und gewalt- samer Vertreibung von Juden war.
Sucht man die Ursachen für diese Erscheinungen, so erweisen sie sich als ein Bündel ähnlicher, aber auch sehr unterschiedlicher Faktoren. Die christliche Religion(die Juden als ‚„Christusmörder‘‘) und der eng mit ihr verquickte Aberglaube(z.B. der bis auf den heutigen Tag nicht völlig verschwundene Unsinn von den geschlachteten Christenkindern, deren Blut bei den kultischen
Handlungen der jüdischen Religion verwendet worden sein soll), wirtschaft-
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