eine Jude, dann waren alle Juden schuld. und es wurde blutig mit ıhnen abeerechnet. Dem Fürsten war das manchmal recht angenehm, denn eı verlor seinen Gläubiger und steckte obendrein noch dessen Vermögen eın. Damit der jüdische Sündenbock nicht zu verkennen war, wurde er ins Getto gesperrt, das nachts wie ein Gefänenis verschlossen gehalten wurde; und alle Juden waren gezwungen, sich an eine erniedrigende Kleiderordnung zu halten, die mit spitzem gelben Judenhut den Träger schon aul hundert Ellen Distanz vom Nichtjuden abhob.
Im Feudalismus und Feudalabsolutismus waren die Juden in vielen Staaten Europas unterdrückt.
Die bürgerlichen Revolutionen öflneten die Tore der Gettos und stellten die Juden juristisch und sozial den Christen gleich nicht so in Deutschland. Hier verspätete sich die Revolution, und da die Bourgeoisie aus Furcht voı der Arbeiterklasse die Revolution verriet, blieb sie unvollendet. Zahlreiche jüdische Namen finden sich in der Liste der repräsentativen Intelligenz, dıe an der Vorbereitung der Revolution in Wort und Schrift beteiligt war. Die jüdische Emanzipation in Deutschland blieb auf die Gleichstellung der Juden vor dem Gesetz beschränkt. Das weitgehende Fehlen demokratischer Tra- ditionen im Leben des deutschen Volkes behinderte die volle Emanziıpatıon des jüdischen Bevölkerungsteils.
Andererseits entstand in gewissen Kreisen deı Intelligenz Deutschlands ein neuer Nährboden für den Antisemitismus. Nachdem nämlich die Betätigungs- verbote für Juden fielen, sahen sich Juristen, Ärzte, Staats- und Verwaltungs- beamte, Schriftsteller, Künstler und andere Intellektuelle jüdischen Kon- kurrenten gegenübergestellt, die sie nicht als natürliche Mitbewerber ansahen, sondern haßten und bekämpften. Das ıst eine der Wurzeln für die bemerkens- werte Anziehungskraft, die der Antisemitismus aul bestimmte Kreise der bür- eerlichen Intelligenz hat.
Der Antisemitismus des deutschen Mittelalters unterscheidet sich wesentlich von dem der Neuzeit. Hier tritt die relieiöse Ursache zurück, die dort seın Wesen stark bestimmte. Das Konkurrenzmotiv behält seinen Platz, aber es modifiziert sich, erscheint abgewandelt als Konkurrenz zwischen Völkern und Rassen‘‘. Am stärksten abeı verändert sich die Funktion des Äntisemitismus im Imperialismus. Der junkerlich-bourgeoise deutsche Imperialismus trägt einen besonders reaktionären und aggressiven Charakter. Seine Zielsetzung ist mit einem Wort die Weltherrschaft, und wiewohl die Geschichte zweimal das eesetzmäßige Scheitern, das Nichtgelingenkönnen.dargetan hat,sästiei außerstande auch das ist gesetzmäßig-, seine Zielsetzung der Realität anzupassen.
In einem modernen Industrieland mit einer nach Dutzenden Millionen zählenden Arbeiterbevölkerung und einer traditionsreichen Arbeiterbewegung, die trotz ihres starken reformistischen Flügels seit Jahrzehnten marxistisch orientiert ist, muß die Monopolbourgeoisie mit einer wissenschaftlich etikettier-
ten Ideologie zur Vorbereitung ihrer Aggression aufwarten.


