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Eine Frau erzählt / Grete Salus
Entstehung
Seite
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Das traurigste Kapitel dieser Hungermärsche war, daß Menschen knapp an der Schwelle zur Freiheit nicht weiter konnten oder wollten, niedergeknallt wurden oder sogar darum baten.

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Hier in Theresienstadt kamen nun die Erinnerungen an das There- sienstadt zurück, bevor ich es mit dem Transport verließ, wie ich gelebt hatte damals mit meinen Freunden, meinem Mann.

Damals als ich mit meinem Manne im Jahre 1942 im Ghetto ankam, hatte ich irgendwie den Eindruck einer versunkenen Stadt. Dieses Ghetto hatte etwas Unheimliches, Gespenstisches für mıch. Zu dieser Zeit im November 1942 waren so ungefähr 60 000 Menschen im Ghetto.

Auf der Straße ausgemergelte. bleiche Gesichter Menschen mit Eßge- schirren in ihren Händen. Ein Gedränge und Gestoße, daß man kaum weiterkam. Diese kleine Stadt bot normalerweise für 5 000 Einwohner Raum. Leichenwagen alte, schwarze Karossen, in denen alles Not- wendige transportiert wurde, geschoben von alten Männern. An der Deichsel gingen einige an Stelle der Pferde und rückwärts und an den Seiten schoben sie dieses makabre Gefährt vorwärts. Hie und da wurde auch ein Schubkarren geschoben, irgendein lebloser Gegenstand, nach- lässig mit einem Tuche zugedeckt, lag darauf Leichen.

Damals starben die Menschen in Massen. Es starben speziell die

alten Leute an einer Art Ruhr.

Eine versunkene Stadt, die plötzlich von irgendwo aus dem Nichts aufgetaucht war. Die Menschen darin, eigentümlich verändert. Beson- ders empfand ich dies bei jenen, die mir vertraut und bekannt waren

aus meinem früheren Leben.

Ein Verfall der seelischen und körperlichen Kräfte, der mich schaudern ließ. Männer, die gewöhnt waren, daß zu Hause die Frau für sie sorgte, mußten nun Dinge verrichten, die sie nie getan hatten. Resultat: eine Hilflosigkeit gegenüber den Verrichtungen des täglichen Lebens unter besonders schweren Bedingungen. Dies brachte sie von Tag zu Tag mehr herunter.

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