Die schlimmste Prüfung für unsere seelische Widerstandskraft kam, als die Oberaufseherin zurückkehrte. Sie kam zwar ohne Eltern. die sie nicht mehr erreichen konnte, aber ihre Bösartigkeit war ungebrochen und sammelte sich an zu drohenden Gewittern, vor denen wir zıtterten. Es kam eine böse Zeit. Jeder Tag wurde zu einer schweren Last, die wir kaum zu schleppen vermeinten, und wenn wir auch immer wieder zu irgendeinem Hoffnungsanker griffen, so zehrte dies alles an unseren letzten Reserven, daß wir fast darunter zusammenbrachen.
Es kam der Vorfrühling 1945.
So schön, mit so viel Sonne, daß wir ständig irgendein Fleckchen suchten, um ein bißchen von ihrer Wärme abzubekommen. Wir drängten uns an die Fenster, hoben unsere Köpfe empor, es war ein trauriger Anblick, wenn man diese armselige, andächtige Sonnengemeinde sah. Man weinte jetzt leicht. Die meisten von uns fieberten, und überhaupt bemächtigte sich unser eine gefährliche, nachgiebige Weichheit, so daß es eigentlich ganz gut war, wenn die Oberaufseherin mit harter Hand in diese verdächtige Stimmung hineingriff.
In diese Zeit fiel auch der Zusammenbruch meiner Freundin, der mich zutiefst erschreckte, sah ich doch deutlich, was sich unter dieser scheinbaren Ruhe verbarg— wie zerbrochen wir waren. Wir erinnerten uns wehmütig, was wir in diesem oder jenem vergangenen Frühling ge- tan, mit wem wir ihn verlebt, und suchten uns ins Gedächtnis zu rufen, wie es eigentlich war— Freiheit, Frau, Mutter, Kind.
Wir erinnerten uns daran, daß wir eigentlich Frauen seien. versuchten, unsere struppigen Haare in alle möglichen Frisuren zu zwängen, putzten an unseren Lumpen herum, sahen uns entsetzt an und versuchten, all dem mit einem gewissen Galgenhumor zu begegnen. Jetzt, als die Haare nachwuchsen, sahen wir, daß wir fast alle grau geworden waren Die Sonne brachte es an den Tag. Diese Eitelkeiten waren die einzigen weiblichen Regungen und eben nur vage Erinnerungen. Wenn sıch uns eın Mann genähert hätte, hätten wir ihn wohl nur erstaunt angesehen. Es gab auch hier Sonderfälle, aber eben nur Sonderfälle. Die KZ-Frauen, von denen man das Gegenteil erzählt, müssen bessere Lebensbedingungen gehabt haben, denn bei diesem Leben gab es nur zwei heftige Triebe— Hunger und Angst. In einigen größeren KZ, wie z. B. Oranienburg und Buchenwald, gab es Bordelle, in die sich die Frauen oftmals freiwillig mel-
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