Druckschrift 
Im Feuer vergangen : Tagebücher aus dem Ghetto / mit einem Vorwort von Arnold Zweig ; übertragen von Viktor Mika
Entstehung
Seite
593
Einzelbild herunterladen

Vor uns stand noch eine sehr wichtige Aufgabe. Wir wußten, daß noch viele andere antifaschistische Kreise und Gruppen im Ghetto bestanden. DerSpartakus war hier die stärkste Organisation, er besaß eine große Anzahl Anhänger und Sympathisierender nicht nur bei der Schuljugend, sondern auch unter der Arbeiterjugend. Unser Zirkel unterhielt eine enge Verbindung mit einer großen Gruppe der Arbeiter- jugend, die von der Schneiderin Lola Slowik geleitet wurde. Wir wußten jedoch, daß im Ghetto auch noch andere selb- ständige linksgerichtete Organisationen bestanden.

Einmal stieß ich zufällig auf die illegale Ghettozeitung Morgenfreiheit, und mir fiel auf, daß diese Zeitung die ideologische Richtung hatte wie unserBaginen. Während der von uns durchgeführten Hilfsaktionen stießen wir sehr oft auf die verschiedensten revolutionären Arbeitergruppen, die eine ähnliche Arbeit wie wir entfalteten. Aber keine der revo- lutionären Gruppen im Ghetto war organisatorisch so kon- solidiert wie derSpartakus. Unsere Mitglieder waren nicht nur durch eiserne Disziplin miteinander verbunden, sondern auch durch herrliche Bande glühender Freundschaft und Brüderlichkeit.

Die Sterblichkeit im Ghetto nahm erschreckende Ausmaße an. Eine Typhusepidemie wütete. Der Hungertod verschlang immer wieder ganze Teile des Volkes. Jeden Morgen lagen vor den Haustoren neue, mit Zeitungen bedeckte Leichen. Unter unseren Mitgliedern befand sich eine große Anzahl von Vollwaisen, viele Obdachlose, die aus der Provinz ge- kommen waren, und eine riesige Schar Hungernder.

Wir reorganisierten daher unsere Arbeit auf die Weise, daß für das Leben eines jeden Zirkels die Grundsätze der Kommune galten. Die wohlhabenderen Mitglieder brachten Lebens- mittel, Geld und Kleidung, und dies kam allen gleichmäßig zugute. Auf diese Weise erreichten wir gleichzeitig zwei Ziele: man gewöhnte die Genossen an ein Leben im Geiste

593