Durch den dichten Nebel vergangener Tage ziehen vor mei- nen Augen Ereignisse und Menschen aus jener Zeit vorüber. Es gibt Augenblicke, in denen ich den unabweisbaren Ein- druck habe, daß ich ihnen in den lauten Straßen des einstigen Warschaus weiterhin begegne, und manchmal wieder ent- schlüpfen sie meinem Gedächtnis und hinterlassen darin eine Leere, als wären sie niemals Fleisch und Blut gewesen. Häufig sehe ich mit den geistigen Augen meinen ewig mit Arbeit überhäuften, abgeplagten Vater und auch meine Mutter, die für mich die Verkörperung grenzenloser Güte war und blieb. Unter meinen Lidern ziehen Bilder vorüber, auf denen meine Brüder in der Morgenstunde in die Schule eilen. Ich sehe sie jetzt alle ganz deutlich, obwohl so viele Jahre voller Leiden und Qualen dazwischenliegen.
Niemand von ihnen ist am Leben geblieben. Mein Vater ist nicht mehr; zusammen mit Tausenden anderer Juden ver- schlangen ihn die Flammen der bombardierten und in die Luft gesprengten Häuser. Meine Mutter kam um; sie ver- löschte wie ein Täubchen, sie vermochte die qualvolle Ver- nichtung ihrer Kinder, ihres Mannes und aller ihrer nächsten Angehörigen nicht zu überleben. Meine Brüder, Onkel und Tanten sind unwiederbringlich dahingegangen. Von meiner ganzen, einst so zahlreichen Familie blieb niemand übrig. Alle jene Juden, die sich über ihre Errungenschaften so herz- lich freuen konnten und gleichzeitig die schwersten Leiden so tapfer zu ertragen und zu überdauern vermochten, sind nicht mehr unter den Lebenden. Keine der mir nahestehenden und so lieben Kameradinnen, mit denen ich die Schuljahre
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