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Meines Vaters Haus : ein Dokument / Artur Joseph
Entstehung
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nicht, in den Zug zu steigen. Endlich entschloß ich mich im Februar. An den mit gräulich-weißem Schnee bedeckten Ufern des Mains entlang bis zur Mainzer Brücke- ich sah Sonne über dem Dom, auf seiner Kuppel ihren schwachen Glanz, gespensterhaft die Trümmer und Löcher und Lücken. Der Zug fuhr weiter. Niederwald-Denkmal und Mäuse- turm, Lorelei, Cauber Pfalz und die Burgen was ehedem meine Phantasie anregte, verfehlte sie nun. Ein Schleier er- hob sich zwischen mir und der vertrauten und geliebten Land- schaft- ein rötlicher Dunst, und durch ihn nur sah ich die Weinberge und Dörfer, die Täler und Wälder: die ermordete Mutter fuhr mit mir, und alle umgekommenen Verwandten und Freunde begleiteten uns. Und es begleitete uns auch die Mutter meiner Frau, die mit ihrem Ehemann von Berlin aus nach einer abenteuerlichen, zeitweise in Fußmärschen zurück- gelegten Flucht am Weihnachtsabend des Jahres 1942 endlich an die ersehnte Schweizer Grenze gelangt war. Sie wurde, als das Paar in der Nacht versuchte, über die grüne Grenze zu fliehen, von einem deutschen Beamten gefaßt und erhängte sich in dieser«Weihenachb im Zollhaus Grenzach, weil sie - wie sie es auf einem Zettel in letzter Minute hinterließ- keinen anderen Ausweg mehr sah.

Im zertrümmerten Koblenz wäre ich fast wieder umgekehrt. Aber da war das Grab des Vaters vor mir, in Köln, und ich blieb und sah Bonn wieder und das Siebengebirge, und dann rief der Schaffner sein«Nächste Station: Köln!» aus; er rief es wie Tag für Tag, er konnte nicht ahnen, was sein Ruf für mich bedeutete. In weiter Schleife nun fuhr der Zug durch die Stadt, von Straße zu Straße, von Platz zu Platz, von Er- innerung zu Erinnerung: was da zerschlagen vor mich trat, hob sich im Bild des alten Zustands zum wehmütigen Wieder- sehen. Vom wohlvertrauten Bahnsteig eilte ich hinaus auf den Platz: Excelsior und Deichmannhaus schienen erhalten und außer ihnen nur noch der Dom. Ergriffen grüßte ich und schaute hinauf an seinen Türmen. Dann riß der Verkehr mich mit sich, ich ging die Hohestraße entlang. Mit ihren einstöckigen Notbauten glich sie der Budengasse eines Volks-

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