erst einmal bei anderen Völkern in die Lehre gehen. Meinem Einwand, wieso denn gerade das von seinen Zaren geknech- tete Russenvolk mehr Eignung für die sofortige Übernahme der ihm doch ebenfalls ungewohnten demokratischen Freiheit besitze als das deutsche, erwiderte er, das sei etwas gänzlich anderes. Vor allem sei es eine logische Folge der Geschichte, daß nunmehr das Morgenrot der Weltherrschaft den slawi- schen Völkern leuchte. Diese Logik begriff ich nie.
Unser französischer Lehrer hatte nur wenig gesprochen. Schließlich sagte er, wir sollten beide nicht außer acht lassen, daß die deutsche Armee die beste Organisation der Welt dar- stelle. Er bezweifle, ob etwa die französische es mit ihr auf- nehmen könne. Im übrigen sah er in einem Krieg eine un- erwünschte Störung bürgerlichen Lebens und bemerkte mit schmerzlichem Lächeln, er werde künftig wohl— von einem ganz anderen«Zeitvertreib» gänzlich beansprucht-kaum mehr zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, zum Malen und Angeln, kommen.«Liebe Freunde», schloß er,«lassen Sie uns zahlen. Ein neues Jahrhundert ist angebrochen.»
Ich blickte mich um, über die weiten Wiesen hinauf zum Jungfrau-Gletscher und über die Felswände des Eiger zu- rück zu unsrem Platz. Dann erhoben wir uns, der Lehrer faßte uns am Arm; noch heute höre ich seine Mahnung:«Es war das letztemal. Wir wandern jetztin eine andere Epoche. Aber, wie es auch zugehen wird— vergessen Sie nie unsre gemein- samen Touren. Vergessen Sie nicht, daß wir bis heute niemals daran gedacht haben, daß wir drei verschiedenen Nationen angehören. Vergessen Sie nicht, daß dieser Krieg kein persön- licher Krieg, kein Krieg der Völker, sondern ein Krieg der Kabinette ist. Nun müssen die Völker einander gegenseitig töten, und nun kommt so viel Unglück über die Familien. Vielleicht werden Sie, liebe Freunde, in Situationen geraten, in denen Sie denken«Über alles die Nation!» Dann, bitte, erinnern Sie sich dieser Stunde. Bleiben Sie menschlich, han- deln Sie nach dem Grundsatz«Über alles das Menschliche!» Das andere klingt wohl schön, aber es ist eine zweifelhafte Maxime. Es ist immer gefährlich, mit Prestige zu hantieren,
26


