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Schubladen und Geheimfächern für mich stets etwas Myste- riöses an sich hatte. Sie selbst hatte nichts Geheimnisvolles, ihre Lebensauffassung war sachlich, sie hatte nicht selten strenge Verweise für mich zur Folge. Kam ich als Pennäler zu ihr, die Schulmappe unterm Arm, so ließ sie sich nicht abhal- ten, einen Blick in meine Hefte zu werfen, meine Handschrift gründlich zu kritisieren. Sie nannte sie charakteristisch, aber unleserlich und bedauerte den Lehrer, der«das Zeug lesen müsse. Und mißbilligend schüttelte sie den Kopf, wenn sie Eselsohren in den Büchern glättete.«Du bist unordentlich und wirst es bleiben», sagte sie und hat wohl recht behalten.
Kam der Freitagnachmittag, so zog sie ihr bestes Kleid an. Beim Eintritt der Dämmerung dann erhob sie sich feierlich, nahm die grüne Decke vom Tisch, legte schneeweißen Da- mast auf, strich ihn mit ihren Händen glatt. Dann stellte sie zwei Leuchter auf und entzündete die Kerzen, faltete ihre Hände, begann leise zu beten. Es war still geworden im Zim- mer, kaum hörte man den Straßenlärm, der durch die geschlos- senen Fenster nur gedämpft hereindrang. Lautlos bewegten sich die Lippen der Großmutter, die tief ins Gebet versunken vor dem Tisch stand. Nach einer Weile hob sie Kopf und Arme gegen die Decke, ließ darauf langsam die Hände zu den brennenden Kerzen sinken, beschrieb zum Abschluß der Gebärde mit geöffneten Fingern einen Bogen über dem Licht. Dann wandte sie sich zu mir und sagte leise mahnend:«Der Schabbat ist zu uns gekommen. Nimm auch du ihn auf und genieße seinen Friedem, und legte segnend ihre Hände auf meinen Kopf, während ich eine unvergeßliche Feiertagsstim- mung in mir fühlte.
Von den Fenstern ihrer Wohnung hatte man einen schönen Rundblick auf die Stadt mit dem Dom. Vor allem aber auch war ich in der unmittelbaren Nähe des Geschäfts, das mich immer wieder anzog. Wir Kinder durften dort nie unan- gemeldet erscheinen. Aber eines Sonntagsmorgens— ich war etwa zehn Jahre alt-, forderte der Vater mich auf, ihn zum Geschäft zu begleiten. Genau erinnere ich mich noch an die- sen ersten Gang mit dem Vater, dem viele folgten. Damals
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