tekten, der sie mit einem großzügigen Plan in das Geschäft einbeziehen wollte, wehrte er schroff ab:«Das nicht! Ich werde mich nie entschließen können, diesen Hort des Frie- dens aus meinem Hause zu entfernen.» So wohnte die Groß- mutter bis ans Ende ihres Lebens im Geschäft und blieb der Mittelpunkt der Familie.
Alle Welt nannte sie«Bettychem». Klein und zierlich von Gestalt, bestätigte sie noch mit achtzig Jahren die graziösen Porträts ihrer Jugend. Immer bewegte sie sich schnell— sie lief mehr als sie ging, auch als ihr Rücken schon müde und gekrümmt war. Sie hatte ein schmales Gesicht, das nach ortho- dox-jüdischer Sitte der künstliche Scheitel rahmte, eine Pe- rücke, deretwegen ihr, zu ihrem Leidwesen, am Hochzeitstag das eigene Haar abgeschnitten worden war. Sie konnte herz- lich lachen, aber ebenso energisch dreinblicken. Dann kniff sie ihren Mund zusammen, und ihre tiefe, sonst gütig-ruhige Stimme war knapp und entschlossen: sie wußte, wie man mit Kindern umgeht; sie hatte selbst ihrer sieben zur Welt gebracht und großgezogen. Zuweilen auch leuchtete es spöt- tisch aus ihren Augen. Mir stand sie besonders nah; ich ver- ehrte sie, denn schon zu einer Zeit, als die anderen mich noch als Kind behandelten, hatte sie mich als Gleichberechtigten am Gespräch teilnehmen und frei meine Meinung äußern lassen.
Die Großmutter las viel, bis an ihr Lebensende studierte sie jeden Morgen«das Blatt» sehr genau, war über alle Ereig- nisse und Vorkommnisse eingehend orientiert; sie verfügte über ein glänzendes Gedächtnis. Im Jahr 1832 geboren, war sie noch Zeitgenossin der großen Dichter und hatte die Kriege des Jahrhunderts erlebt. Von ihr stammten die zahlreichen Anekdoten, mit denen ich zum Staunen der Lehrer in meinen Aufsätzen aufwarten konnte. Von ihr auch empfing ich die ersten Kenntnisse von religiösen Werten und von der Stel- lung der Juden im deutschen Volke.
Zumeist empfing sie mich in ihrem Wohnzimmer, im Sessel am Fenster sitzend. Gegenüber stand der Sekretär, ein alter Schreibschrank aus braunem Nußbaumholz, der mit seinen
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