Auch wo sie nicht so eigentümlich waren— wie anders nahmen die Schuhe sich in den Schaukästen aus als an den Füßen auf der Straße. Wie wertvoll und begehrenswert er- schienen sie, Kunstwerken gleich, die zu bewundern ein Ver- gnügen war. Und drinnen konnte man sie gar in die Hand nehmen, aus der Nähe betrachten, am eigenen Fuß probie- ren. Für die Damen, denen der ganze erste Stock gewidmet war, gab es einen mit einer Samtportiere von der Umwelt abgeschlossenen, ringsum mit Spiegeln verkleideten Raum, dessen indirekte Beleuchtung den Effekt eines Festsaales vor- täuschte: hier konnte die Wirkung der Tanzschuhe beurteilt werden, und gern suchten die Damen das«Lichtzimmen auf, die kostbaren Toiletten in der Hand, um den dazu passenden Schuh zu wählen.
Nüchtern und sachlich die Herren-Abteilung im Parterre. Da roch es stets nach Boxkalfs, Chromledern und Gummi- sohlen. Ein eigenartiger Geruch. Etwas von Tabaksqualm wohnt ihm inne, ein kräftiger Duft, der jedoch die Damen nicht abhielt, ihre Männer zu begleiten, vielleicht sogar sie eher anzog. Häufig führten die Gattinnen das Hauptwort und ließen zur Genüge merken, daß in jedem Falle der eigentliche Käufer niemand anders als die Frau sei.
Neben der Herren-Abteilung befand sich das den Kindern reservierte Gebiet, mit«Schuhen, die so rührend sein können». Schaukelpferde, Elefanten, Giraffen, kunstvoll geschnitzt und bunt bemalt, halfen den kleinen Kunden über das für sie ver- drießliche Geschäft des Anprobierens hinweg.
Über dieses Reich also gebot der Vater. Dunkel gekleidete Verkäufer und Verkäuferinnen liefen emsig hin und her, klet- terten die Rolleitern vor den Regalen bis hoch zur Decke, um Kartons herabzuholen, oder saßen auf kleinen Bänkchen zu Füßen der Kundschaft, die von der Höhe ihrer Sessel gnädig Befehle erteilte. Die Räume, in denen all das bestand und geschah, waren mit Perserteppichen und Edelholz-Furnier ausgestattet, und wie in einem Salon fiel kaum ein lautes Wort. Wurden wir ein- oder zweimal des Jahres neu beschuht, so waren wir schon tagelang vorher ermahnt worden, uns ja


