gebannt, nur während der Nachtruhe für wenige Stunden be- freit. Kein Wunder also, daß der Mensch oft unschlüssig im Laden sitzt, daß er mit den Verkäuferinnen hin und her berät, welches Schuhwerk besser zu lassen, welches besser zu neh- men sei, daß er fortwährend Schuhe an- und auszieht, darin auf- und abwandelt, sorgenvoll und hoffnungsvoll, und daß gelegentlich eine Frau resigniert ein schönes Modell in der Hand hält:«Ja- wenn ich nicht solche Füße hätte...»
Es ist eine eigene Sache mit Schuhen: Ihr Material ist so nobel wie das des Pelzes, und ihre Form ist so problemreich wie die Mode insgesamt, an der sie wesentlich teilhaben. Was gab es nicht alles zu sehen in Vaters Reich! Wer vermöchte all die Modelle zu beschreiben, die es aufwies und täglich um neue vermehrte! Die Herrenform hat sich im Lauf von Jahr- zehnten nur wenig verändert, die Damenform ist fast von Monat zu Monat dem Wechsel unterworfen. Bald muß das Leder tiefschwarz, bald goldgelb oder zartrosa gefärbt sein, bald muß es das geschmeidige der burmesischen Ziegen, bald das kräftigere der amerikanischen Kälber sein, bald sind es die Krokodile von den Ufern des Nil, bald die Schweine aller Länder, die ihre Haut zu Markte tragen. Spitze Kappen, breite Kappen, hohe Absätze, flache, halbhohe, halbflache.
All das bot sich in den Fenstern und Kästen, und oft stand ich davor und träumte beim Anblick der mit Gold- und Silber- fäden durchzogenen, mit Brillanten besetzten Brokatschuhe auf zierlichem Stelz von den feinen Füßen blonder Prinzes- sinnen, die bezaubernd gekleidet durch die Säle ihrer Paläste schwebten. Noch heute sehe ich ganz deutlich ein eigentüm- liches Paar vor mir. Der linke Schuh war anders verziert als der rechte. Beide waren aus roter und schwarzer Seide, der linke ganz glatt und sein Oberblatt mit einer Krone aus Goldleder, der rechte jedoch gefältelt und mit Szepter und Schwert, so daß Zusammengehörigkeit und Unterschied gleich auffällig waren. Das ungleiche Paar erregte den Beifall der Frauen, die Verwunderung der Männer und bewirkte über- dies eine Glosse im Stadtblatt; der Vater sagte, als er mir die Schuhe zeigte, sie seien«freilich eben für aparte Gemüter.
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