trischer Kocher zum Binden der Bücher. Da wir bei der allgemeinen Unordnung auf dem Weg von der Zelle zur Bücherei nicht mehr kontrolliert wurden, nahmen wir unsere vollen Eßgeschirre zu Mittag mit uns hinüber in den Arbeitsraum, dickten die dünne Brühe mit
Stärke ein, kochten das Ganze nochmals auf und erhielten so ein für
unsere Begriffe vorzügliches Mahl. Besonders gern wurde dieses Ver- fahren angewandt, wenn wir zu Mittag, wie so oft, nichts anderes er- hielten, als holziges, sandiges Dörrgemüse, das völlig fettlos im Wasser aufgekocht wurde.
Auch im Büchereibetrieb gerieten wir unweigerlich ins Schwimmen. Eine Menge Zeit brauchte ich bloß dazu, um die Karteikarten für die Neuangekommenen herauszuschreiben. Schließlich mußten wir dieses hoffnungslose Beginnen aber doch aufgeben und beschränkten uns darauf, nur unseren alten Stamm wie bisher zu versorgen, während wir in die Zellen der Neuen einfach pro Woche ein Buch hineinlegten und diese von den Hausarbeitern in den einzelnen Gängen austauschen ließen. Im übrigen schlug die allgemeine Erregung schon derartige Wellen, daß ohnedies niemand mehr die innere Ruhe zum Lesen eines Buches fand. Ich wenigstens hatte sie schon längst verloren.
Die Russen kamen von Osten und die Amerikaner vom Westen immer näher und es begann ein allgemeines Rätselraten, wer wohl unser Befreier sein würde. Nach der Einnahme von Wien auf der einen, und der von Frankfurt auf der anderen Seite, rechneten wir nur mehr mit Wochen, ja Tagen. Kein Mensch mehr arbeitete etwas und auch die Wachtmeister führten mit uns nur noch politische Gespräche. Wir von der Bibliothek waren gut daran! Besaßen wir doch den großen Andree-Handatlas, auf dem wir den Vormarsch genau verfolgen konn- ten. Stundenlang saßen wir über die Karten gebeugt. Die Spannung: wurde mit der Zeit unerträglich und schnürte einem förmlich die Brust zu. Einige von uns waren pessimistisch und befürchteten, man würde uns noch im letzten Augenblick alle verräumen. Merkwürdiger- weise konnte dieser Gedanke in mir keinen Raum gewinnen. Ich lebte in der Vorfreude meiner Befreiung und fühlte mich meiner Sache
völlig sicher!
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