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Im Zeichen des Ungeistes / Rudolf Kriss
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ZWEITES KAPITEL

Das Leben ging weiter; langsam aber sicher nach abwärts, der Kata- strophe entgegen. Eigentlich lebte ich in jenen dunklen Jahren nur halb, ich fühlte beständig das drohende Verhängnis und wurde inner- lich immer nervöser, obwohl man mir äußerlich nicht allzuviel an- merkte. Wenn ich aber meinen heutigen Zustand mit dem der ent- schwundenen Epoche vergleiche, so spüre ich doch einen gewaltigen Unterschied.

Es fehlte allerdings auch in jener Zeit nicht an retardierenden Momen- ten, an Lichtpunkten in meinen persönlichen Verhältnissen, die sich hauptsächlich aus der Sichtung und teilweisen Neubildung meines Freundeskreises ergaben. Ich begann in diesen Zeiten der Not allmäh- lich alles, was meinem Wesen nicht unbedingt entsprach, abzustoßen und dafür manche neue Bekanntschaften zu schließen, die ich in der oder jener Hinsicht als Bereicherung empfand. Der Kreis in dem ich mich bewegte, wurde vielleicht enger, aber in seiner Eigenart klarer bestimmt und intensiver erlebt. Besonders nach der künstlerischen Seite trat eine merkliche Bereicherung ein. Dabei erwies sich mein geliebtes Wien vor allem als bedeutsam.

In einem Kreise von Musikern lernte ich auch Felicie Hüni-Mihascck per- sönlich kennen, die ich als Sängerin und Mitglied der Münchener Staats- oper schon lange verehrt hatte. Wir wurden später gute Freunde, sie hat sich in der schweren Zeit meiner Verhaftung bedingungslos für mich eingesetzt und Unendliches für mich getan.

Die Besetzung Österreichs im März 1938 brachte auch eine grund- legende Veränderung meiner eigenen Lebensverhältnisse mit sich. Daß sie mich weniger hart trafen als zu vermuten gewesen, daran waren verschiedene Umstände schuld. Das deutsche Reich hatte mir schon

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