nach, Abschied. Sie lag aufgebahrt in der Kapelle des Krankenhauses,
gehüllt in ihr schönstes Feierkleid aus schwarzem Samt, das ich beson-
ders gern an ihr gesehen hatte, wenn wir gemeinsam festliche Opern
“oder Konzerte besuchten. Die gewohnte Perlenkette-schmückte ihren
Hals. Das Gesicht der Toten hatte einen strengen und abgewandten’
Ausdruck, sie wollte nicht mehr in diese Welt zurückkehren. Stumm lag sie da und unendlich majestätisch, wie eine Königin, die ihr irdi- sches Reich mit vollem Wissen und Willen verlassen hatte.
Meine Mutter war zur rechten Zeit gestorben; mochte man ihr Leben von innen her betrachten, nach dem Maße der erreichten Lebenshöhe, oder von außen, als im Strom des Zeitgeschehens eingebettet. Ein Platoniker würde sie selig gepriesen haben! Denn sie starb in einem Augenblick, wo ihre irdische Gestalt dem in der Ewigkeit beschlossenen Urbild am nächsten kam, wo ihr Leben sinnvoll abgerundet erschien und ihre weltweite Überlegenheit von der in den letzten Monaten ihres Daseins beginnenden seelischen Verdüsterung noch nicht wesent- -lich überschattet war. Von außen gesehen schienen meine eigenen Schicksale, die ihr von allem am meisten am Herzen lagen, an einem Punkte angelangt, an dem man damals noch hoffen konnte, daß die befürchtete deutsche Katastrophe sie nicht in ihren Strudel hinein- reißen würde. Meine österreichische Position sah damals so gesichert aus, daß ich annahm, sie würde sowohl mich wie meine Mutter, selbst bei Aufgabe unseres Berchtesgadener Besitzes, ernähren können. Die Annektion Österreichs, die sie zu tiefst getroffen hätte, und darüber hinaus den zweiten Weltkrieg, brauchte sie nicht mehr zu erleben! Kurz vor dem Tode meiner Mutter hatten wir noch alle Vorbereitun- gen für eine Italienfahrt getroffen. Nach einiger Überlegung entschloß ich mich, sie nunmehr allein anzutreten. Ein Jahr zuvor hatte ich mit meiner Mutter eine ähnliche Reise, unsere letzte gemeinsame, unter- nommen. Es war anfangs April, und wir fuhren damals nach kurzem Aufenthalt in Brixen an den Gardasee, wo wir in dem kleinen Nest Garda, das idyllisch in einer geschützten Bucht des Ostufers liegt, Aufenthalt nahmen. Ich war in jenen Tagen mit meiner Mutter unsag-
sbar glücklich gewesen. Dem Arm der deutschen Diktatur entronnen,
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