diese Unabhängigkeit sogar bis zum offenen Widerstand, was bei
meinem, die Gegensätze auszugleichen suchenden Temperament immer- hin einiges zu bedeuten hatte. Aber eine breitere Wirkung nach außen erwies sich eben doch als unmöglich. Freilich, zunächst wollte ich mir das nicht eingestehen, gegen mein besseres inneres Wissen tat ich zu- nächst so, als gäbe es keinen Nationalsozialismus, keine Kriegs- drohung, als ahnte ich nichts von den Abgründen, denen die Welt zu- steuerte. Niemand schneidet sich schließlich freiwillig den eigenen Lebensfaden ab und da ich die Hoffnung auf die Morgenröte einer neuen Epoche niemals aufgab, wollte ich arbeiten so lange als möglich, um keine Zeit zu verlieren und dermaleinst wieder dort anzuknüpfen, wo ich in Bälde aufzuhören gezwungen sein würde.
So änderte sich also zunächst nichts in meinen äußeren Lebensgewohn- heiten. Ich hielt an der Universität meine Vorlesungen wie bisher, ließ mich zu Vorträgen einladen und im sicheren Wissen, daß es so richtig sei, ließ ich mich auch nicht sonderlich von der Tatsache beeindrucken, daß die Hörer weniger wurden-und ich mehr und mehr auf einer geistigen Insel zu leben begann. Freilich, ganz allein blieb ich nie, ich fand stets einige Auserwählte, die es genau so hielten wie ich und die Breite der menschlichen Beziehungen wurde durch deren Intensität mehr als wettgemacht. Fe
Daß sich mein liebes Österreich von der nationalsozialistischen Ver- strickung nicht würde freihalten können, ahnte ich, ohne es zugeben zu wollen. Da ich jedoch unbedingt alles tun wollte, um wenigstens für meine Person solange als möglich geistig unabhängig zu bleiben, bewarb idı mich zu meiner deutschen auch noch um die österreichische Staatsbürgerschaft; ich versuchte, solange es irgend anging, auch äußer- lich jede Verbindung mit dem verhaßten Hitlertum zu vermeiden. Der Beharrlichkeit meiner Bestrebungen gelang es auch, dies trotz aller Schwierigkeiten nach eineinhalb Jahren durchzusetzen. Ich wurde in Wien eingebürgert, allerdings erst acht Tage vor der Annektion Österreichs im März 1938, Geld und Mühen schienen also damals um- sonst aufgewendet zu sein; daß sie es in Wahrheit doch nicht waren, hat sich inzwischen gezeigt.
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