38 Das Kirchenlied vom Ende des 17. Jahrhunderts an.
Liedern der ſingenden Betrachtung darbieten. Die Mehrzahl der Lieder trägt daher das Gepräge ſchlichter Würde, bibliſcher Einfachheit, zuweilen freilich auch proſaiſcher Trockenheit. Gegen die oft in zügelloſer Willkür und zuchtloſer Geſchmackloſigkeit einhergehende Dichtung der von der Kirche ſich loslöſenden und wider alle kirchliche Ordnung anſtürmenden ſektiereriſchen Kreiſe hat ſich das Geſangbuch ablehnend verhalten. Die das Gemein⸗ ſame in allen Bekenntniſſen betonende, die Stellung zum Hei⸗ land zum Ausdruck bringende und vor allem auf die brüder⸗ liche Liebe dringende Brüdergemeinde iſt mit mehreren Liedern vertreten.
Die zweite Periode iſt die des ſogenannten Rationalismus, der verſtandesmäßigen Aufklärung. Den Dichtern dieſer Periode iſt es mehr darum zu thun, das allgemein Menſchliche als das eigentlich Chriſtliche zum Ausdruck zu bringen. Sie be⸗ handeln deshalb vorwiegend die Gedanken des erſten Glaubens⸗ artikels, ſelten die des zweiten; ſie feiern die Natur, preiſen Gottes Güte und Allmacht, wie ſie in der Schöpfung und Er⸗ haltung ſich offenbart, im Rauſchen des Waldes, im Brauſen des Meeres, im Donner des Gewitters uns entgegentritt, und ermahnen meiſt ſehr trocken zur Fflichterfüllung. Von der Sünde und von der Gnade in Jeſu Chriſto wiſſen ſie nicht viel zu ſagen. Das Geſangbuch hat von den Liedern dieſer Periode naturgemäß nur die beſten aufgenommen, von denen man ſagen kann, daß ſie nur die ſprachliche Form der Zeit an ſich tragen, mit dem Gedankengehalt aber im poſitiven Chriſtentum wurzeln.
Die heftigen Stürme, die am Ausgang des 18. und am Eingang des 19. Jahrhunderts über Deutſchland hinbrauſten, wieſen die Deutſchen auf das Erbe der Väter zurück; die große Gottesthat der Befreiungskriege, 1813, hatte es in die Herzen leuchten laſſen: Gott lebt! Das deutſche Volk und das Evan⸗ gelium gehören zuſammen! Das Reformationsjubiläum von 1817 hatte den Evangeliſchen zugeruſen:„Halte, was du haſt!“ Neue, kernhafte evangeliſche Lieder entſtanden; die verwäſſerten Geſangbücher mußten verbeſſerten weichen; ſeit Ernſt Moritz Arndt den Ton angegeben:„Ich weiß, an wen ich glaube!“ ſchallt's in allen Zweigen, und auch die Gemeinden ſingen friſcher und fröhlicher von dem Heile, das uns geſchenkt iſt.


