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Geschichtlicher Wegweiser durch das Gesangbuch und Choralbuch der evangelischen Kirche im Großherzogtum Hessen / bearbeitet im evangelischen Prediger-Seminar zu Friedberg
Entstehung
Seite
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Das Kirchenlied vom Ende des 17. Jahrhunderts an. 37

Zweiter Abſchnitt.

Die Entwickelung des evangeliſchen Kirchenliedes vom Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Das Kirchenlied iſt im Großen und Ganzen glänzende Ausnahmen im Einzelnen abgerechnet nicht mehr kirchliches Volkslied, nicht mehr aus dem Bewußtſein und aus der Stimmung der Geſamtheit heraus empfunden und geſungen, ſondern Er⸗ guß des Einzelnen, der darin ſeine perſönliche Heilserfahrung und Heilsſtellung ausſpricht; und dieſe iſt nicht immer, wie in der Zeit eines Paulus Gerhardt, die allen lebendigen Gliedern der Gemeinde gemeinſame, ſondern vielfach die dem Einzelnen eigentümliche, erwachſen nicht im Schoß der Gemeinſchaft, ſondern ſozuſagen in der Sonderſtellung des vom Geiſt be⸗ ſonders Bewegten innerhalb oder gar außerhalb der Gemein⸗ ſchaft der Kirche. Das Kirchenlied trägt weniger das Gepräge der Kirchlichkeit, der Volkstümlichkeit, des Chorlieds als das⸗ jenige des Perſönlichen, Beſonderen, es nähert ſich dem religiöſen Gedicht; ſeinen Inhalt bilden nicht mehr wie in der erſten großen Zeit die Heilsthaten Gottes in ihrer Größe und Herrlich⸗ keit, ſondern Gedanken und Betrachtungen des Dichters über dieſelben und ihre Wirkungen. DerHymnus weicht der Ode, das Lied der feiernden Anbetung, das Chorgebet der Gemeinde dem Liedeſingend⸗leſender Betrachtung, der von der Orgel begleiteten Ableſung erbaulicher Verſe aus dem Ge⸗ ſangbuch. Die Zahl der Lieder wächſt ins Ungemeſſene.

Die Entwickelung verläuft in drei Perioden.

Die erſte Periode iſt die Periode des Pietismus, etwa von 1698 bis 1750 reichend. Das religiöſe Empfinden und Denken der Dichter wurzelt zwar nicht mehr, wie in der früheren Zeit, im Boden des kirchlichen Gemeindelebens, aber noch feſt und tief im Boden der bibliſchen Offenbarung, des geſchichtlichen Chriſtentums. Es ſind Schriftgedanken, Troſt und Mahnung des Evangeliums, welche ſie zum Ausdruck bringen und in ihren