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Geschichtlicher Wegweiser durch das Gesangbuch und Choralbuch der evangelischen Kirche im Großherzogtum Hessen / bearbeitet im evangelischen Prediger-Seminar zu Friedberg
Entstehung
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von Luther bis zu Ende des 17. Jahrhunderts. 9

Die Entwickelung läßt drei Perioden erkennen, deren Grenzen fließend ſind.

In den Liedern der erſten Zeit der evangeliſchen Kirche, der Frühlingszeit des neuerwachten Glaubenslebens iſt esdie ganze Chriſtenheit auf Erden, die im Liede zum Wort kommt; es iſt das Kirchenlied der friſche, kräftige Ausdruck der die Volksſeele bewegenden Ergriffenheit, Volkslied im tiefſten Sinne des Wortes: große Gedanken in ſchlichter Form, wahr und kräftig, oft rauh faſt ausgedrückt Chorſtil. Die Melodien entſtammen zum größten Teil ſoweit es ſich nicht um liturgiſche Geſänge handelt dem geiſtlichen oder weltlichen Volksgeſang und ſind demſelben nachgebildet, der Gemeindege⸗ ſang iſt einſtimmig, ohne Orgelbegleitung.

In der zweiten Periode, der Zeit des inneren Ausbaus der jungen Kirche, wird im Kampfe wider die Feinde von rechts und links beſondrer Nachdruck aufdie reine Lehre gelegt und dieſe auch im Liede betont(behüt mich, Herr, vor falſcher Lehr'). Das Lied will und ſoll Ausſprache der auf dem feſten Grunde des Bekenntniſſes geeinten Gemeinde ſein. Gemeindemäßigkeit wird auch für die Melodie und den Vortrag angeſtrebt, deshalb(ſo z. B. von Lukas Oſiander 1586) bei dem mehrſtimmigen Chorgeſang, welcher die Kirchenweiſe im kunſtvollen Gewande vorführt, die Melodie in die Oberſtimme gelegt, damit die Gemeinde ſie deutlich heraushöre; zur Unter⸗ ſtützung des Gemeindegeſangs wird die HOrgelbegleitung ein⸗ geführt(Geſius in Frankfurt a. M. 1600; Samuel Scheidt's Orgel⸗Tabulaturbuch, das erſte Choralbuch für die Orgel, 1650).

Die dritte Periode iſt die Zeit der ſchönſten Blüte des evangeliſchen Kirchenliedes, aber auch, zumal gegen den Schluß hin, des beginnenden Verfalles. Der große Inhalt erſcheint in ebenbürtiger Form: die Sprache wird geglättet Opitz), die Form des Volkslieds künſtleriſch geadelt, und es werden ihr neue, der griechiſch⸗römiſchen Dichtung nachgebildete Formen an die Seite geſtellt(z. B. inHerzliebſter Jeſu, was haſt du verbrochenO Gott, du frommer Gott). Die furchtbare Not des dreißigjährigen Krieges hatte die Menſchen nach innen und nach oben gewieſen, in die Tiefe geführt, auf die Ewig⸗ keit blicken gelehrt(Jeruſalem, du hochgebaute Stadt); ſie hatten den Pſalter tauſendfach ſelber erlebt. So iſt es das