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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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noch etwas anderes. Er funkte die Mordgruppe an, erhielt auch die Verbindung und ũbermittelte nach dorthin die Funkunterlagen, so daß diese abgetrennte Gruppe jetzt in der Lage war, direkt mit der Heeresgruppe und dem OKH in Verbindung Zu treten. Pann wurden die Papiere verbrannt und die Geräte und das Bosch- Aggregat zerschlagen und nochmals verlöschten eine Anzahl Lampen und noch mehr Hindenburglichter flackerten auf. Uber das Haus senkte sich Stille. Das rat- ternde Rangieren an den Kellerenden, die Scherbenstürze, über dem Kellergewölbe die heulenden Detonationen hörten auf.

Das Bombardement war eingestellt worden.

Noch etwas war als der Nachrichtenführer in die Finsternis mit den Leuchtkãfern hinaustrat, spürte er es; als er die von Kalkstaub überpuderten und wie aus hundert- jähriger Erstarrung erstandenen Gestalten der Apathischen erblickte, da wurde es ihm schon zur Gewißheit; als er aber durch den vom Vorhang abgetrennten Keller- gang lief, der vom Stabsvolk, von roten Streifen, von Gold und Silber und Rot und Blau und Grün bevölkert war wie ein orientalischer Basar, und als er einen Blick in die Abteilung des Oberbefehlshabers hineinwerfen konnte, da sah er es sitzen, da hatte er es vor Augen.

Der Gast war gekommen.

Das aber war geschehen:

Der Feldmarschall hatte sein Wort nicht gesprochen. Er hatte geschlafen oder sich jedenfalls zum Schlafen zurückgezogen. Der Chef hatte gehandelt, nicht als Chef der Armee, denn in diesem Falle hätte er die noch immer erreichbaren Armeeteile über seine geänderten Beschlüsse benachrichtigen müssen; er hatte gehandelt wie irgendein Wirt irgendeines vom Verderben bedrohten Privathauses. Seine beiden Abgesandten waren der Dolmetscher der Armee und der Herr dei Kauf hausruine, General Roske. Der Chef hatte noch ein Ubriges getan. Er hatte den in der Machbar- ruine liegenden Artilleriekommandeur, einen Obersten Ludwig, der, wie ihm mit- geteilt worden war, eine Verbindung mit russischen Parlamemären aufgenommen hatte, zu sich befohlen. Oberst Ludwig hatte den Ordonnanzoffizier, der ihm den Befehl überbrachte, gebeten, erst noch sein Abendessen einnehmen zu dürfen, und bei der Lage der Dinge hatte er sich gefragt, ob es nicht die Henkersmahlzeit war, die er einnahm. Um so erstaunter war er, als er den Chef ungewöhnlich höflich antraf, und zuerst nur zu bestätigen hatte, daß er tatsächlich eine Verbindung mit russischen Parlamentären hatte.

S0, Sie verhandeln also mit den Russen! Aber was wird mit uns, mit derArmee ? Herr General können auch einen Parlamentär erhalten!

Dann leiten Sie das bitte ein, Ludwig!

Oberst Ludwig ethielt vom Chef den Auftiag, die Kapitulationsverhandlungen auch für das Armechauptquartier einzuleiten und Parlamentäre auch ihm zuzuschicken. So hatte der Chef des Generalstabes der Armee diese Angelegenheit doppelt genãht. Der Polmetscher und General Roske hatten das Haus verlassen. Sie waren über den

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