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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Inzwischen nahm das Geschehen seinen Lauf.

Die Fakten sind dürr und wiegen so leicht, wie die an Idealismus, an Lebensglück, an Schweiß und Blut und Knochen geforderten und auch gebrachten Opfer schwer wiegen. Die handelnden Personen waren der Chef der Armee, der Dolmetscher der Armee und der frischbeförderte General Roske..

Auf᷑ der Kaufhausruine lag Artillerie- und Granatwerferfeuer, das dauerte zwanzig Minuten lang. Der Chef hatte eine Besprechung hinter verschlossener Tür mit dem Dolmetscher und dem General Roske. Dolmetscher und General zogen ihre Pelz- mäntel an und verließen das Haus. Der Chef blieb zurück, ragend wie ein Baum, die Schultern noch mehr zurückgebogen, die Augen womöglich noch leuchtender, er erteilte Befehle, kurz und unmißverständlich, Offiziere nahmen die Befehle ent- gegen und leiteten sie weiter.

An I A, I B, IC: alle I A-, I B-, I C-Papiere verbrennen!

An II A, II B: alle Listen und Bücher verbrennen! An III: alle Akten verbrennen! An IVA, IVB, IVC, IVD, IV E: verbrennen, verbrennen, verbrennen!

Auch der Armeenachrichtenführer erhielt den Befehl:

Befehl vom Chef: Funkgeräte zerstören! Funkunterlagen zerstören! Vnmißverstãndlich genug, aber der Armeenachrichtenführer verstand nicht. Er hatte etwas anderes erwartet, den Kampf befehl und das Getümmel des Nahkampfes in den Kellerrãumen und letzten Endes die Mine, die das ganze Haus und ihn selbst und auch sein Funkgerät in die Luft jagen und sicher genug zerstören würde. Er kam aus seinem Bau heraus(er wollte sich erst noch der Richtigkeit des Befehls versichern) und da traf er Ordonnanzoffiziere, Armeenachschub-, Sanitäts-, Veterinär-, Verwaltungs-, Feldpost-, Ordnungsoffiziere, Beamte, die alle die gleichen Befehle erhalten hatten. Auch Oberst Carras war da, der Sagte zu dem einen, zu dem andern: Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Verbrennen Sie das Zeug, das hat ja nun doch keinen Wert mehr! Zum Armeenachrichtenführer Sagte er:Die Sache geht in Ordnung, hauen Sie schon Ihren Laden kaputt!

Das Haus dröhnte. Irgendwo in der weitläufigen Finsternis der Gänge war es, als ob Eisenbahnzüge rangiert würden. Brandgeruch, Kalkstaub. In einer Anzahl der Zimmer fiel die Beleuchtung aus. Hindenburglichter flammten auf, und das waren hoffnungslose kleine Käfer in einer riesigen Grabeshöhle.

Oberst Carras führte den Armeenachrichtenführer hinter den Vorhang, um ihm etwas zu zeigen. Dort gab es zwischen I A- und Chefzimmer und dem Zimmer des Oberbefehlshabers eine nach oben führende Treppe, die bis zum Deckengewölbe mit Sandsäcken verbarrikadiert gewesen war, und jetzt waren eine Anzahl Männer dabei, die aneinandergefrorenen Sandsäcke mit Brechstangen voneinander abzu- heben und die Treppe freizulegen.

Die Hintertreppe wird freigemacht für den Gast! sagte Oberst Carras.

Der Nachrichtenführer kehrte in seinen Machrichtenraum zurück und versammelte Seine Leute um sich. Ehe er das befohlene Zerstörungswerk beginnen ließ, tat er

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