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einer Portiere, im verdunkelten Nebengelaß eines Kellerraums. Da war eine Hand an seiner Tür gewesen, und die Tür hatte sich dann doch nicht geöffnet; und er müßte jetzt aufstehen, durch den Kellergang gehen, seinen Chef aufsuchen und seinem Chef das nicht ausgesprochene Wort ins Ohr brüllen und damit das schon im Gange befindliche Geschehen wieder einholen, und sein Wort müßte von vorn bis hinten durch den Keller hallen:„Ich gehorche! Der Gefechtsstand wird ver- teidigt! Bis zur letzten Patrone: der Befehl gilt auch für dieses Haus!“
Der Mann, von dem solches Wort als letzte Konsequenz zu erwarten war, stand auf und tappte durch den halbdunklen Gang; am Chefzimmer ging er vorbei und betrat den Raum des Divisionskommandeurs Roske.„Wie ist die Lage, Roske?“ „Die Lage ist Sehr ernst. Der Russe ist überall. Es zieht sich ringsherum zusammen!“ Der Mann kehrte in sein Loch zurück, hockte dort eine Weile im Dunkeln, das Gesicht gesenkt, die Hände schlaff auf den Knien, dann streckte er sich auf seinem Lager aus. Und der Feldmarschall hatte es darin ungleich schwerer als der Kalif im Märchen. Er konnte nicht in einen Mantel der Armut gehüllt unerkannt durch sein Reich schweifen; er konnte nicht in einen Soldatenmantel gehüllt durch sein Reich des Todes wandern, dem Sterben ins Gesicht blicken, den Schaum auf dem Munde des Verendenden mit Augen sehen, dessen letztes Gurgeln mit Ohren hören. Er war an sein Hauptquartier gefesselt und hatte sich mit Abstraktionen zu behelfen, und nur gereinigte und in Zahlen ausdrückbare Bilder standen ihm bei. Er war ein Mann, der es liebte, die Geschichte, insbesondere die Kriegsgeschichte, zu Rate zu ziehen, und wenn es sich darum handelte, eine Schlacht anzulegen, waren ein „Hochkirch“, ein„Kunersdorf“, ein„Sedan“ gegebene Beispiele, und Fehler die da und dort gemacht worden waren, hatten einkalkuliert und vermieden zu werden. Auch in dieser entscheidenden Stunde seines Lebens war er nicht ohne den Zu- Spruch einer geschichtlichen Parallele. Im November 1918, am Rande des verlorenen Krieges, hatte eine Oberste Heeresleitung einen schon zur Führung der Waffen- stillstandskommission bestimmten General der Infanterie, einen Herrn von Gündell, wieder zurũckgezogen und damit die Waffenstillstandskommission ihres militärischen Charakters entkleidet, und ein Feldmarschall hatte gesagt:„Es ist wohl das erstemal in der Weltgeschichte, daß nicht Militärs den Waffenstillstand abschließen, sondern Politiker. Ich bin aber ganz damit einverstanden, zumal die Oberste Heeresleitung keine politische Richtlinie mehr auszugeben hat!“
Der den Krieg verloren hatte, schob die Verantwortung für die heraufziehende nationale Katastrophe von sich. Das hatte ein Feldmarschall im November 1978 am Rande eines verlorenen Krieges getan. Ergo: im Jahre 1943, am Rande der ver- lorenen großen Schlacht sagt ein Feldmarschall: Ich will nichts damit zu tun haben, und sein Chef wird für ihn in derselben Nacht noch erklären, daß er fordere, als Privatperson betrachtet zu werden. Was das eine Mal möglich war, war das zweite Mal schon ein begangener Weg! Aber zufriedenstellend war diese Schlußfolgerung nicht. Der Feldmarschall saß im Dunkeln, und sein Gesicht zuckte.
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