Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
342
Einzelbild herunterladen

Wir wissen uns nicht anders zu helfen, Herr Oberstabsarzt, als die hoffnungslos Schwerverletzten hierherzulegen, wo sie einen schnellen und schmerzlosen Tod durch Erfrieren sterben. Wir schaffen so auch Platz für die ungeduldigen Leicht- verletzten!

Das ist die hier geleistete erste Hilfe?

Auch die humanste, wie mir scheint, Herr Oberstabsarzt!

Beide Krzte kehrten in den Keller zurück. Im Arztezimmer hatte sich inzwischen der größte Teil der übrigen Arzte eingefunden. Oberstabsarzt Simmering erklärte: Wie Ihnen bekannt ist, meine Herren, ist das Kapitulationsverbot noch immer in Geltung. Aber was uns zu tun erlaubt ist, und was meines Frachtens noch die dringendste Handlung in dieser Stunde ist: das Haus durch Rote-Kreuz-Fahnen als Lazarett kenntlich zu machen. Das verlangt andrerseits, daß unter dieser Flagge nur derjenige Zuflucht findet, der entweder verwundet oder krank ist oder zum Sanitãtspersonal gehört. Es gilt also, das Haus von der kämpfenden Truppe, von der Feldgendarmerie und von allen unverwundeten Versprengten zu säubern. Das ist unsere nãchste und wichtigste Aufgabe, und dabei zu helfen, bitte ich Sie, meine Herren!

Leutnant Lawkow bemerkte eine neue Bewegung im Keller.

Von der einen Seite war ein neuer Zuzug da, und es waren nur Verwundete, Leute mit Stümpfen, Finbeinige, Fingeschiente, solche mit Gipskorsetts, die wochenalten Korsetts so schwarz wie die Gesichter, und auf der anderen Seite waien es die unter Protest oder unter laut geäußertem Bedauern oder auch in stiller Resignation ab- ziehenden alten Bewohner, Gestalten wie jener Oberleutnant Wedderkop oder wie sein eingeflogener Bataillonsführer Henkel oder wie jener Herr im Zivilanzug, der erKärte, daß er überhaupt kein Soldat, sondern ein Bahnbeamter sei und von Paris hierhergeholt worden wäre, um als Stationsvorsteher den Bahnhof Stalingrad zu übernehmen.

Wirklich sehr bedauerlich, und wir alle hätten Sie sehr gern auf dem Bahnhof mit der roten Mütze gesehen! sagte Lawkow, der den Oberärzten bei dem allgemeinen Rausschmiß und den sich entspinnenden Auseinandersetzungen behifflich war: Aber von hier müssen Sie weggehen, das hier ist wirklich kein Bahnhof, mein Herr! Ich protestiere dagegen, daß ich nicht ausgeflogen wurde!

Da haben Sie wieder recht, aber auch dafür ist hier nicht der Ort. Diesen Protest reichen Sie am besten beim Oberbefehlshaber der Luftwaffe ein!

Machen Sie schon schneller, nehmen Sie schon Ihren Koffer in die Hand, Herr! Das sagte einer der Feldgendarme, die ebenfalls beim Raumen des Kellers behilflich waren. Die Abteilung der Feldgendarmerie hatte sich übrigens, anders als Stabsarzt Simmering gefürchtet hatte, überraschend schnell damit einverstanden erklärt, das Haus zu verlassen. Wir können sowieso nicht in die Gefangenschaft gehen. Wo uns von unserm Dienst her so viele Leute der Zivilbevölkerung kennen, bleibt uns Sowieso nichts anderes übrig als bis zur letzten Patrone zu kämpfen; das war die

342