Treppe glich der dichtbesetzten Rolltreppe einer Untergrundbahn, und man mußte sich durch die Menge hindurchwinden. Nur daß diese Menge nicht aufrecht stand, daß sie Saß, die Beine ausgestreckt oder angezogen, die Köpfe in die Hände gestützt oder Seitlich an den Nebenmann gelehnt, mit offenen Augen oder mit geschlossenen Augen, wachend oder schlafend. Leute, die noch ihren ersten durch Fiter verjauchten Verband trugen. Das Treppenhaus war von oben bis unten von faulig stinkender Luft angefüllt. Oberstabsarzt Simmering ging durch das erste, das zweite, das dritte Stockwerk. Uberall dasselbe, Verwundete, Tote, Fleckfieberkranke, alles lag durch- einander und übereinander, stöhnte, röchelte. Männer schrien, Männer weinten, Männer beteten, Männer baten um Tee, um einen Schluck Wasser, und niemand reichte ihnen Wasser(alle fiebern, alle wollen trinken, aber das Wasser muß aus Schnee aufgetaut werden, und es reicht nicht aus). Delirierende brüllten. Männer verlangten eine Pistole und erhielten sie auch, irgendwie und von irgendwem. In den Räumen gähnten leere Fensterhöhlen, davor stand die Nacht mit ihren Sternen. Die Stubenbelegschaften rissen die Fußbodenbohlen auf und unterhielten offene Feuer, um die sie herumhockten. Der rote Flackerschein lenkte das Feuer der feind- lichen Artillerie auf das Haus. Ganze Räume mit ihren Belegschaften gingen in die Luft. Detonierende Granaten, die Luft war schwefelverpestet. Oberstabsarzt Sim- mering trat an eine der Fensterhöhlen und blickte auf die Straße hinunter. Das Haus selbst kämpfte offenbar nicht. Aber die kämpfende Truppe hatte hier ihren Sitz und huschte da umten in dem blauen Straßenschacht auf und ab und feuerte aus den Nachbarruinen heraus. Und noch etwas, auf der anderen Seite, auf der Platzseite, waren Haufen humpelnder und sich mühselig bewegender Gestalten zu schen, die sich langsam der Hauseinfahrt näherten. Der Strom an hilfesuchenden Verwundeten war noch immer nicht abgerissen.
Oberstabsarzt Simmering ging den Weg zurück. Auf dem ersten Stock sprach er mit einigen Sanitätern, und hier begegnete er auch dem leitenden Oberstabsarzt. Die Sanitãter hatten ihm erklärt, daß sie die Arbeit nicht mehr schafften:„Dauernd die Erfrorenen, und dazu geht eine Selbstmordwelle nach der andern durch das Haus!“ Der Oberstabsarzt(Simmering kannte ihn von Berlin her und hatte ihn seither nicht geschen) wandte sich an ihn, als hätten sie seither täglich im gleichen Operationsraum gestanden:„Da will ich eben die Arbeit beginnen, da reißt ein Panzergeschoß meinem Chirurgen beide Hände ab!“
Das sagte er, und weg war er, verschwunden im Glast der offenen Feuer, in Rauch und Schwefelluft. Simmering blickte Bäumler an, der senkte seinen Blick. „Also, Herr Stabsarzt, wir müssen beginnen!“
„Aber sagen Sie mir noch, was ist das hier für eine Einrichtung?“ fragte er, auf den langen Gang hinaustretend, dessen Türen— es waren hohe bis zur Dechke rei- chende Flügeltüren— geõffnet und mit Stricken festgebunden waren, was anscheinend auch am andern Ende der Fall war, denn ein eisiger Luftstrom fegte durch den langen Schlauch und fuhr über die auf Tragen abgestellten Kranken hinweg.
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