runder Tisch, auf dem Tisch stand Kaffeegeschirr, der Raum war leer. Steinle wollte sich wieder umwenden, als sein Blick durch eine halbgeschlossene Portiere in einen verdunkelten Nebenraum fiel, und dort erblickte er plötzlich den Feld- marschall. Dieser Nebenraum war nicht gänzlich dunkel; es war da das matte Licht eines Rundfunkempfängers, und neben dem Rundfunkapparat saß der Oberbefehls- haber, die Hände vor sich im Schoß, ganz in sich zusammengesunken, dem Obersten das Profil zeigend.
Der Oberst entschloß sich zu der leise hervorgebrachten Anrede:„Herr Feld- marschall?“
Der Feldmarschall blickte auf, erkannte den Obersten:
„Sie sind es, Steinle, was bringen Sie? Nehmen Sie bitte Platz!“
Der Feldmarschall kam aus seinem Loch heraus, nahm dem Obersten gegenüber Platz. Der Oberst schilderte die Lage an der sogenannten Front und den Zustand der sterbenden Truppe. Auf der einen Seite saß der Truppenoffizier, der tausend Männer, die er mit ihren Namen kannte, hatte sterben sehen, auf der anderen Seite der hohe Generalstabsoffizier, der seine Stabsangehörigen und seine Kommandeure, Sonst aber niemand mit Namen kannte und für den der Mann erst als multiplizierte Größe in Erscheinung trat, die man in Massen, angefangen mit Zehntausend, mit Hunderttausend, mit Dreihunderttausend, die man hin und her zu schieben, anzu- Setzen oder auch abzusetzen(und das geht in Gedanken und auf dem Papier vor sich), die man zehntausendweise und in dem besonderen vorliegenden Fall auch im Dreihunderttausend-Maßstab abzuschreiben hat. Da saß der Mann des dröh- nenden Schlachtfeldes, der nichts mehr hinter sich wußte als Rauch und Schnee und Leichen, und da saß der Mann des gleichen Schlachtfeldes, dem der rauchende und brüllende Umergang sich auf sauberen Generalstabskarten präsentiert hatte, der nichtsdestoweniger das Debakel von weither(und wahrscheinlich früher als der Oberst) hatte heraufziehen sehen. Nicht umsonst hat er einen hervorragenden Ruf für sachliche, richtige, objektive, oft geradezu ärgerlich pessimistische Lagebeurtei- lung erworben. Von Anbeginn an und schon im ersten Krieg Generalstabsoffizier, später Lehrer an der Kriegsakademie, in diesem Krieg stellvertretender General- stabschef, im Planen und Anlegen von Operationen und unter Kommandeuren, die die Entschlüsse zu fassen hatten, als Chef und Berater hervorragend, hatte er plõtzlich eine Armee erhalten, war Truppenführer geworden, und hatte nun selbst Entschlüsse zu fassen, und zwar von einer Reichweite, wie sie bis dahin kaum vor anderen Truppenführern gestanden hatte, und die andere Seite seines Verhäng- nisses war sein ihm beigegebener Chef, der natürlicherweise sein Berater hätte sein müssen, das Verhältnis aber verkehrte und praktisch alle Kommandeurgewalt an sich riß und an sich hatte reißen können.
Der Oberst sagte ihm im wesentlichen nichts Meues, und der Geruch von Blut und Verwesung, der den Mann der Truppe umwehte, war nur dazu angetan, ihn abzu- stoßen. Er brauchte den Untergang in seinen einzelnen und groben Erscheinungs-
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