Der Chef etand da, ein ovales gestrafftes Gesicht, graues Haar, große, starre Augen; in diesem Moment aufsteigender Wut wechselten die Augen ihre Farbe und wurden wie blinde Scherben.
Ich! Ich kann alles, verstehe, durchschaue alles; andere können, verstehen, durch- schauen nichts; und niemand, welche Funktion er auch ausübe, hat das Recht zu eigener Entscheidung. So sah Oberst Steinle den Chef, so sahen und kannten ihn fast alle Offiziere. Gilt als fãhiger Kopf, gilt als kolossale Arbeitskraft, und wahr ist, daß er andere kolossal arbeiten läßt, und daß er auch beim Skatspielen durch eine Staffel von Ordonnanzen imstande ist, den ganzen Umkreis in Atem zu halten, das war es, was der Oberst weiter dachte. Und im übrigen— das dachte der Truppen- offizier— ist er der ausgesprochene Typ des Generalstäblers, bei dem der Mensch überhaupt erst mit dem Fintritt in den Generalstab beginnt. Und im übrigen hat er mich jetzt völlig vergessen, war die weitere Beobachtung des Obersten. Und während der Chef weiterging und in das Zimmer des Ordonnanzoffiziers hinein- stürzte und„Verbindung“ schrie und ihm erwidert wurde, daß die Verbindung noch bestehe, schlug Oberst Steinle den Vorhang zurück(von den beiden dort auf- gestellten Feldgendarmen wurde er daran nicht gehindert) und betrat den Teil des Ganges, an dem sich neben Chef- und I A- und IB-Zimmer und Armee-Schreib- stuben auch die Räume des Oberbefehlshabers befanden.
Der Chef im Ordonnanzenzimmer Sah nur noch rot; er hatte gar nicht vernommen, daß die Meldung nicht von General Damme, sondern vom Kommandeur des Panzer- korps war, und er brüllte in den Apparat hinein:
„Sie sind wohl blödsinnig geworden! Hãätte ich das geahnt, Damme, dann hätte ich Sie und den ganzen Stab verhaften lassen! Was, wer... wer sind Sie, ein Leutnant?“
An der anderen Seite des Drahtes war kein General Damme, war auch nicht der Kommandierende General des Pamerkorps, da war ein Leutnant, der seinen Auf- trag höflich wiederholte:„Ich habe Herrn General im Auftrag des Kommandeurs zu melden, daß das Panzerkorps in diesem Moment kapituliert, und daß ich nach Abgabe meiner Meldung nichts entgegenzunehmen habe, sondern daß mein Auf- trag dahin lautet, die Fernsprechleitung zu durchschneiden, was ich hiermit tue, Herr General!“
„Ich lasse Sie erschießen, den ganzen Stab! Hören Sie17“
Aber auf der andern Seite wurde nichts mehr gehört. Pie Fernsprechleitung wurde in diesem Moment tatsãchlich durchschnitien. Der Chef der Armee warf den Hörer auf den Tisch zurück. Eine ungesunde Röte Schlug ihm ins Gesicht hoch. Es sah aus, als ob er ersticken wollte. Er stürzte zum Zimmer hinaus, durchmaß mit langen Schritten den finsteren Gang, bis nach vorn zum Fingang und zurück, er stolperte über die am Boden Hockenden und wurde noch wütender.
Oberst Steinle war vor die Tür mit der Aufschrift„Oberbefehlshaber“ gelangt, und da er die Tür offenstehend gefunden hatte, war er eingetreten. FEin großer
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