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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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formen nicht zu kennen; was aber den Untergang seiner Armee, sowohl im gegen- wärtigen Stadium als auch für den weiteren Verlauf des Krieges und auch weiter auswirkend bedeutet, das war ihm geläufig und das hatte er vor Augen wie die Seiten eines aufgeschlagenen Buches. Und hier ergab sich seine besondere Aufgabe: das Debakel in Glanz und die Niederlage in Sieg verwandeln, und das Unmögliche dennoch und wenn nicht im Realen und für dieses Mal, so im Irrealen und als Vor- stufe für ein nãchstes Mal zu erreichen. Und es konnte sich für ihn in diesem Augen- blick nur darum handeln, zu erfahren, zu welchem Anteil die Armee und zu welcher Geste auch die sterbende Truppe noch fãhig war, um das heroische Beispiel zu geben, das verlangt wurde, dem Ringen um Größe und weltweiten Besitz die höhere Weihe zu geben. Er persönlich hatte abgeschlossen und sah sein physisches Ende voraus. Sein Opfer wurde gefordert und war für den hier verlangten beispielgebenden Fall nõtig. Auf seiner erstiegenen höchsten Höhe hatte er den höchsten Auftrag zu erfüllen, und dieser höchste Auftrag kam nur mittelbar vomFührer, auch nur mittelbar aus den Hãnden, die sich über ql und Erz und über die Landkarte Europas bis nach Asien legten; es war der unmittelbare Auftrag jener Idee, der er gedient und die ihn erhoben hatte, die im ersten Weltkrieg unterlegen war, die auch im zweiten Weltkrieg verlieren würde Go war die Lageeinschätzung des untergehenden Feldmarschalls), die aber den dritten Weltkrieg Co weit reichten die Spekulationen des Feldmarschalls) gewinnen sollte.

Zweimal gescheitert waren es Raubzüge, das dritte Mal gewonnen, würden auch die beiden ersten Gänge Etappen der Reichs- und Weltherrschaftsbegründung und ein Glanz sein, und nicht um Blut und braune Leichenhaufen und um sich grei- fende Verwesung, um diesen künftigen Glanz ging es. Da stand der Feldmarschall: mit beiden Beinen in einem riesigen Grab und schon ein künftiges, noch größeres und võlkerweites Grab vorausschend.

Nun handelte es sich darum, wie die Armee den letzten Schritt gehen würde. Und das war allerdings nicht ganz so, wie es geplant war.Das ist allerdings nicht ganz So, wie es mir dargestellt wird! sagte der Feldmarschall. Es war nicht so, wie sein Chef es ihm vorgestellt, der denFall Hartmann verallgemeinert und nach Berlin gefunkt hatte: Generale und Grenadiere kämpfen Schulter an Schulter auf dem Bahndamm, mit der blanken Waffe, mit Bajonett und Spaten. Es war nicht so, und der Oberst erzählte ihm, daßDamme kein Einzelfall wäre, daß überall am Stadt- rand kapituliert würde, in kleinen und in größeren Gruppen. Schon seit Tagen, seit Gorodischtsche und Gumrak, käme es vor, daß Unterführer die Ausführung von Befehlen, welche die Kräfte der Truppe übersteigen, ablehnten. Und in dieser Stunde sei es vorn jetzt überall so: da sei ein Leutnant, der sage:Ich geh' jetzt auch rüber, ich mach' Schluß, Herr Hauptmann! Und der Hauptmann:Wie können Sie Schluß machen! Parauf der Leutnant:Nichts mehr zu essen!, und er geht weg, mit zehn, mit zwanzig, mit vierzig Mann. Oder es läutet der Fern- sprecher, und es meldet sich ein Hauptmann und sagt:Ich mache jetzt Schluß!

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