peꝛichen wollte. Und nun funkt die Armee und funkt dieser Chef dazwischen. Das ist doch nun wirklich zu blödsinnig. Und immer weiter dieses Geschieße, immer weiter das Herausschleppen Stocksteifer toter Männer, immer weiter der Tumult vor der Feldküche, und alles sinnlos und ohne jedes Ziel. Und man selbst, die Haare bleiben einem ja in der Hand, wenn man sich über den Kopf fãhrt. Die Verdauung funktioniert nicht mehr. Wie soll sie auch, kein Schluck Kaffee, keine Zigarre mehr. Man verfällt ja schon einer völligen seelischen Depression, und man ist total arbeits- unfäãhig. Aber etwas muß nun Schließlich doch geschehen, denn am Morgen sollte die Sache ja steigen. Am Morgen sollte das große Antreten zur Kapitulation statt- finden, so war es mit dem Russen vereinbart.
General Damme erhob sich, er öffnete die Tür und rief, daß es den langen Gang entlanghallte, nach seinem Sonderführer. Der Sonderführer Wiedemann, der bereits über das Ferngesprãch orientiert war und der in der· Nachbarzelle mit den Obersten und den übrigen Stabsoffizieren peisammengehockt hatte, kam sofort heraus; er hatte auf diesen Ruf gewartet und wußte, was von ihm verlangt werden würde. Die Obersten in der Nachbarzelle wußten übrigens auch schon, was der General nach dem Ferngespräch unternehmen würde, und hatten bereits ihren Enischluß gefaßt: Dann müssen wir es eben tun!
„Ja, Herr Wiedemann, das Kapitulieren ist mir also verboten worden. Das müssen wir den Russen sagen. Wir müssen ihnen sagen, daß wir die Verhandlungen ab- brechen! Ubernehmen Sie bitte diese Mission!“ Das war alles, was Damme sagte. Panach saß er wieder allein in seiner Zelle, und wieder blickte das nackte Elend von allen Wänden auf ihn herab. Er starrte die Wand an, und auch er wußte, was jenseits der Wand gesprochen und beschlossen wurde, und er dachte: Dann müssen es eben die Obersten machen!
Und auch dieses Ferngespräch zwischen„Armee “ und Kommandeur, auch diese verhinderte und dann dennoch durchgeführte Kapitulation gehört dem Zerfallen der Armee und dem Sturz ins Chaos an, auch diese letzte Stunde und der ausbre- chende kalte Schweiß am Nacken eines truppenlosen Kommandeurs, der mit sieb- zehntausend Mann ins Feld ausgerückt war: auch das sei nicht vergessen!
Da war, durch einen Haufen Sandsäcke vom Armeehauptquartier getrennt und auf einem Weg von wenigen Minuten zu erreichen, der Theaterkeller, der zusammen mit den durch einen Gang verbundenen Kellereien umter der Ruine des„Hauses der Roten Armee “, dem sogenannten„Timoschenkokeller“, das in Gewölbe auf- gesplitterte unterirdische Verwundetendorf bildete, in dessen unterstem Bezirk sich die Tag und Nacht in heiße Dämpfe gebadete Operationshõhle des Oberarztes Huth befand.
Huth war fertig— nicht mit den Nerven, die hatten standgehalten auf dem langen Weg. Gebrüll unter dem Messer, lautes Verrõcheln, stummes Sterben, siebenund- siebzig Tage lang. In den brodelnden Wunddãmpfen war Huth zu einem Skelett
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