Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
313
Einzelbild herunterladen

abgemagert; doch seine Hände hatten ohne Zittern und ohne Ermüdung hantiert und ihn gegen die immer höher ansteigende Woge des Todes arbeiten lassen. Wenn hundert Patienten nach geglückter Operation gestorben waren, so war einer darunter vielleicht am Leben geblieben, und diesen Einen hatte er sich zugute schreiben wollen. Jetzt konnte aber auch der Eine nicht mehr leben bleiben, denn auch dem mußte, ohne die dünne Suppe, die zu hundert andern Wundern hinzuzukommen hatte, der Lebensfaden abreißen. Dieser Zustand war erreicht. Der Theaterkeller blieb seit Tagen völlig unversorgt. So war die Arbeit des Arztes, Schneiden am leben- digen Fleisch und Sägen an lebendigen Knochen, zu keinem andern Ende, als durch Qualen und gelungene Operationen das bevorstehende Sterben zu verlängern. Das war der Schluß einer Gedankenreihe, zu dem Huth gelangt war. Er führte den begonnenen Schnitt an einem Oberschenkel nicht mehr zu Ende. Das blutige Skal- pell legte er auf den Tisch zurück. Er drehte sich um, nahm die Wachstuchschürze ab und hängte sie an den Nagel. Nachdem er sich Hände und Arme gewaschen und seinen Rock angezogen hatte, wandte er sich um, und sein Blick umfaßte noch einmal den auf dem Operationstisch liegengebliebenen Mann. Ein nicht zu muskulöser, aber harmonisch gebildeter Körper, eine Lebensspannung andeutend, die unter anderen Umständen wohl noch für ein halbes Jahrhundert ausgereicht hätte. Ein junger Hauptmann, und Huth entsann sich, daß er ihn schon einige Tage vorher mit einer Kopfverletzung da gehabt hatte. Der Mann machte einen Atemzug. Die Lippen des vor Schmerzen halb geöffneten Mundes zitterten. Die Lider gingen auf, und der Blick aus grauen noch verschleierten Augen schwamm im Leeren. Huth wollte nicht warten, bis die Schmerzbetäubung völlig weichen würde. Er hätte die Macht gehabt, diesen Mann augenblicklich von allen Schmerzen zu erlösen und an ihm das zu tun, was das System, dem er diente, an Alten, an Kranken, an Ver- brauchten organisiert und massenhaft tat. Vor diesem Gedanken aber taumelte er Zurück. Es waren keine religiõsen Skrupel oder vielleicht war es doch religiõser Grund und das ihm eingeborene Gesetz, welches ihn von solcher Handlung abhielt. Viktor Huth ffüchtete die Treppen hoch. Der Verwundete auf dem Tisch und die Sanitätshelfer blieben noch zurück. Huth gelangte in den großen Kellerraum, in dem Mann an Mann, nur schmale Fußpfade zwischen den Gruppen, an sieben- hundert oder achthundert Verwundete, Kranke, Sterbende und schon Gestorbene lagen, ein Keller, der nach zweimal oder spätestens nach dreimal vierundzwanzig Stunden ein Keller der allgemein eingetretenen Muskelstarre, grünlich gefärbter Bauchdecken, schmutzigbrauner Gesichtshaut, weicher auslaufender Augäpfel und immer wilder aufdammenden Fäulnisgeruches sein mußte. Noch aber flatterte der Tod in allen Winkeln, noch kreischte er aus einem vielstimmigen Chor starker Stim- men. Unerträgliche Schmerzen schrien die Bewußtlosigkeit herbei. Der Hunger von solchen, die bis dahin ernährt gewesen und noch bei Kräften waren, brüllte laut auf. Gebete wurden gelallt. Ein tobsüchtiger Torso, der noch Lungen zum Fauchen hatte, bäumte sich auf und kugelte wieder zusammen.

313