Pine von elektrischen Batterien gespeiste übermenschliche Stimme hallte durch den Raum. Und diese Lautsprecherstimme ließ zeitweilig Schmerzen vergessen, ließ den Sterbeakt unterbrechen, ließ Wütende die Luft anhalten, ließ den Keller Partei nehmen, für und wider, für Weiterhören und für Abdrehen.
„Abstellen! Abstellen!“ heulte ein Chor von Stimmen.
„Lauter, lauter!“ heulten andere dagegen.
„Abstellen!“
„Anhören!“
„Dieser feiste Hund!“
„Dieser Fettwanst!“
„Hätt' er lieber sein Wort gehalten!“
„Der trägt die Schuld daran!“
„Läßt uns verhungern!“
Dazwischen schrie ein Fiebernder:„Wasser!“ Schrie ein von Schmerzen Zerfaserter: „Morphium!“ Unter der Decke(darin unterschied sich der in der Nähe des Armee- stabes gelegene und vom Armeearzt geleitete Keller von anderen) baumelten elek- trische Lampen. Der obere Teil des Gewölbes war angeleuchtet, der untere Teil blieb in halbem Licht. Durch den Dunst und zwischen den hingestreckten und hockenden Gestalten der mit Fetzen Umwickelten bewegten sich zwei Wehrmacht- pfarrer, Pastor Koog und Pfarrer Kalser, die hier einander wieder begegnet waren. Pastor Koog nahm von einem Verscheidenden einen letzten Gruß entgegen. Pfarrer Kalser murmelte über einem Verröchelnden:„Das ewige Licht leuchte ihm!“ Der
Arzt Huch lehnte mit dem Rücken an der Wand. Er erblickte den verwundeten Hauptmann, den er auf dem Operationstisch zurückgelassen hatte. Der stand plõtz⸗ lich da, auf seinem nachgeschleppten Bein, und sank neben ihm nieder.
„Herr Doktor?“
„Herr Hauptmann, was kann ich tun, ist ja doch alles sinnlos, das Sterben dauert dann nur länger!“—„Dann soll es länger dauern, Doktor! Bitte, Doktor!“—„Strecken
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Sie den Fuß aus, aber hören Sie erst zu „Was ist das?“ „Der Reichsmarschall!“
Und durch das Toben, durch„Abstellen“ und„Anhören“, durch Heulen und Fluchen, durch die Kampf befehle des Panzerleutnants rang sich der fette Tenor, und auch Pastor und Arzt und Hauptmann hörten zu:
Volksgemeinschaft... deutsche Menschen unmtereinander.. mit alten Anschauungen gebrochen... aber meine Kameraden, nur der kann kämp- fen, der mit leidenschaftlicher Seele Anteil nimmt.. 3
„Der mit leidenschaftlicher Seele Anteil nimmt, und laß mich in deinem Kampfe nicht erlahmen, mein Gott!“ betete Pfarrer Kalser und drückte einem Soldaten die Augen zu. Unter halbaufgeschlagenen Lidern blickte er sich um und emdeckte einen nächsten, der ihn brauchte. Aber es waren nun Schon so viele, und langsam stand
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