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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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werfen müssen, war nichts als körperliche und seelische Auflösung und Apathie und Sterben ohne Fluch auf den Lippen. Das Gesicht dieses Sturzes und die Auf- lõsung in heulende Atome trug der in Schnee und Nacht Pahinwandernde in sich. DPas Gesicht dieses Untergangs, aber auch der Schicht über Schicht gehäufte Irrtum, der solchen grauenvollen Ausdruck fand: Das sei nicht vergessen!

Ach, Herr, wie sind meiner Feinde so viel...

Dieser Psalm konnte nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen werden, und er verhallte in dem Keller am Stadtrand, nicht in dem allgemeinen Raum, sondern in einem Nebengelaß. Und Hãnde mit langen Fingern und knotigen Gelenken legten die Blockflõte, auf der der Gesang begleitet worden war, in das mit Samt ausge- Schlagene Futteral, und der Dechel klappte zu. Zum erstenmal hatte Oberstleutnant Unschlicht, dem bisher das Spiel nur eine Willensübung gewesen war, aus ganzer Seele heraus die Flöte geblasen, und die Weise war ihm im wirklichen Sinne des Wortes durch Mark und Bein gegangen. Daß er die Flöte, die ihm in dieser Stunde zu einem Ausdrucksinstrument für tiefste Not geworden war, sorgsam in ihren Behälter zurücklegte, das war richtig, daß er den Flõtenbehälter dann aber auf dem Tisch zurückließ und ihn nicht in den Rucksack zu den anderen Sachen packte, das hätte ein bedenkliches Zeichen sein können. Die übrigen Herren, ein Major ing., der Intendant des Korps, ein Hauptmann, ein Leutnant, hatten den Rucksack schon geschultert. Auch Oberstleutnant Unschlicht nahm seinen leichtgepackten Rucksack auf und setzte sich die Pelzmütze auf den Kopf. Zu sagen war nichts mehr. Alles war besprochen. Ein Blick zum Major, zum Intendanten, zum Hauptmann, zum Leutnant fünf Mann, fünf bleiche Gesichter.

Also, meine Herren!

Wie Diebe schlichen sie sich aus dem Keller, vorbei an der Tür Zum allgemeinen Raum, stiegen den schräg nach oben führenden Gang hoch, passierten den draußen aufgestellten Posten, der zuerst, als das bleiche Gesicht des Oberstleutnants so plõtz⸗ lich neben ihm auftauchte, zusammenfuhr und doch ganz richtig grüßte, dann aber ganz verdattert den fünf mit Rucksäcken bepackten Herren nachblickte. Oberstleutnant Unschlicht führte. Drei und auch manchmal fünf und mehr Schritte war er den anderen voraus. Die Wegrichtung war Westen, war die schneestarrende Steppe südlich des Tatarengrabens. Aber rechts und links eingekeilt von Ruinen- stümpfen fanden sie sich einer feuernden russischen Granatwerferbatterie gegenüber. Auch zu beiden Seiten der Batterie flackerte Feuer. Der Oberstleutnant schritt mit seinen langen Beinen gleichmäßig aus.

Der nach ihm dienstãlteste Offizier, der Major ing., war an seiner Seite:Verzei- hung, Herr Oberstleutnant, aber hier geht es nicht!

Pin aufblicken des Gesichtes mit der großen Mase und den weiten, grauen Vogel- augen:Dann also wie wir verabredet haben!

Die fünf Herren drehten um. Wieder führte der Oberstleutnant. Der Weg führte

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